272 Neunundzwanzigstes Kapitel: Der Dreibund.
daß östreichische Beamte Preise auf die Köpfe polnischer Insurgenten
setzten, war möglich, weil Oestreich die Vortheile der
Heiligen Allianz, des Bündnisses der drei Ostmächte, durch ein
adäquates Verhalten in den polnischen und orientalischen Dingen
bezahlte, gleichsam durch einen Assecuranzbeitrag zu einem gemeinsamen
Geschäfte. Bestand der Dreibund der Ostmächte,
so konnte Oestreich seine Beziehungen zu den Ruthenen in den
Vordergrund stellen; löste er sich auf, so war es rathsamer,
den polnischen Adel für den Fall eines russischen Kriegs zur
Verfügung zu haben. Galizien ist überhaupt der östreichischen
Monarchie lockrer angefügt als Posen und Westpreußen der
preußischen. Die östreichische, gegen Osten offne Provinz ist
außerhalb der Grenzmauer der Karpathen künstlich angeklebt,
und Oestreich könnte ohne sie ebenso gut bestehn, wenn es für
die 5 oder 6 Millionen Polen und Ruthenen einen Ersatz
innerhalb des Donaubeckens fände. Pläne der Art in Gestalt
eines Eintauschs rumänischer und südslavischer Bevölkerungen
gegen Galizien, unter Herstellung Polens mit einem Erzherzoge
an der Spitze, sind während des Krimkriegs und 1863 von
berufner und unberufner Seite erwogen worden. Die alten
preußischen Provinzen aber sind von Posen und Westpreußen
durch keine natürliche Grenze getrennt, und der Verzicht auf
sie wäre unausführbar. Die Frage der Zukunft Polens ist
deshalb unter den Vorbedingungen eines deutsch-östreichischen
Kriegsbündnisses eine besonders schwierige.
3.
In dieser Erwägung nöthigte mich der drohende Brief des
Kaisers Alexander (1879) zu festem Entschlusse behufs Abwehr
und Wahrung unsrer Unabhängigkeit von Rußland. Ein östreichisches
Bündniß war ziemlich bei allen Parteien populär,
bei den Conservativen aus einer geschichtlichen Tradition, bezüglich
deren man zweifelhaft sein kann, ob sie grade von dem