362 Friedenspolitik. — Der Aachener Friede.
wesentlich. Noch hatte der Staat kein einheitliches Staatsgebiet, sondern langgestreckte
Grenzen, an denen feindselige Nachbaren saßen. Wohl lag da zu jener
Zeit, in der noch der Begriff von fester Uebereinstimmung der Grenzen #6n staatlichen
Gebiets und der Nationalität seiner Bewohner fehlte, der Gedanke nahe, diese
Länder zu erwerben, und Friedrich wäre nicht der sorgsame Saatzmann gewesen.
fi war, wenn er damals, da umgekehrt vielmehr der Gewinn von Land und
deeen für die höchste Staatskunt galt, die man gerade auf seine Kosten auszuüben
gedachte, die Erwerbung jener Territorien nicht ins Auge gefaßt, nicht sie
seinen Nachfolgern empfohlen hätte. Aber alle Handlungen, alle Schriftstücke des
Königs zeigen mit unzweifelhafter Gewißheit, daß in diesem Zeitraum allein die
Erhaltung des Friedens sein Ziel, daß er alle nur denkbaren Mittel hierfür angewendet
und daß er schließlich nur der eigenen Verteidigung wegen zum Schwerte
gegriffen dat
3 auch immer wir am Kriege für uns erwarten können“, so gesteht er
in iiwelemi Worten seinen Nachfolgern in seinem Testament von 1752,
„mein gegenwärtiges System ist es, den Frieden zu erhalten, so lange dies möglich
sein wird, ohne die Majestät des Staates zu verletzen", denn „es geziemt sich
keineswegs für uns, wiederum einen Krieg anzufangen." „Ohne Rücksicht auf
Vorurtheile dürfe allein das Interesse des Staates im Rathe des Regenten entscheiden
und durch verbindliche Unterhandlungen ohne Stolz, ohne Drohung müsse
man den Krieg zu vermeiden suchen.“ Aber freilich auch das sagt der König „in
derartigen Lagen wie jetzt giebt es nichts sicheres als im G* bahinzulehen
und in guter Haltung neue Ereignisse abzuwarten", und „wenn die Ehre d
Staates euch zwingt, den Degen zu ziehen“, so ruft er geinen Nachfolgern “
„daun falle der Blitz und der Donner zugleich auf euren Feind“
Ganz dem entsprechend war Friedrich schon, als er den Dresdener Frieden
unterzeichset-, entschlossen „fortan keine Katze mehr anzugreifen: es sei denn zu
meiner Vertheidigung“; er war selbst von den Oesterreichern überzeugt, „daß sie
mich während des Dußend von Jahren, die mir vielleicht noch vergönnt sind zu
leben, unangefochten lassen werden", er hatte endlich die Hoffnung, mit seinem
Frieden auch den in Europa begründet zu haben. Darin zunächst täuschte er sich.
Entgegen dem Willen des englischen Volkes und trotz des erzwungenen Wechsels
im Ministerium wurde der Krieg fortgeführt, und König Georg that alles, um
ihn fortsetzen zu können. Erst nach drei Jahren zwangen ihn, der österreichischen
Erfolge in Italien ungeachtet, die entschiedenen Siege der Franzosen in den Niederlanden,
den Frieden zu suchen. Ohne dem Wiener Hofe Kenntnis zu geben,
machte das Kabinett von St. James dem zu Versailles Friedensangebote, und
ihnen mußte schließlich auch Maria Theresia ihre Zustimmung geben, mußte ihre
Erfolge in Italien gegen die Verluste der Engländer in den Niederlanden aufrechnen
lassen und außer dem Verluste Schlesiens im Aachener Frieden vom
27/% November 1748 auch noch italienische Länder daran geben.
Was war mithin natürlicher, als daß die Kaiserin-Königin einen gründlichen
Widerwillen gegen die englische Bundesgenossenschaft hatte? Wie haßerfüllt auch
die welfischen Herren zu Hannover gegen Preußen waren, zuletzt zeigte sich doch,
daß die Interessen des Volkes von Altengland nicht ganz im Kabinett von
St. James mißachtet werden durften, und daß die Herren im Parlament nicht
immer die welfischen Wünsche mit englischen Guineen zu bezahlen gewillt waren,