Erfurter Tage. Preußens Wledergebntt. Stein. Scharnhorst. §§S 595—59. 373
*593. Doch war die Erlösung noch ferne. Seit sich Alexander mit Na-
poleon verbündet hatte, schien Europa, mit Ausnahme Englands, in die Knecht-
schaft der beiden großen Despotieen, Frankreichs im Westen, Rußlands im Osten,
dahingegeben. Zu Erfurt, in dieser alt deutschen, jetzt unter französischer
Herrschaft stehenden Stadt, trafen sich im September und Oktober 1808
mit vielem hohlen Schaugepränge die beiden Herrscher und ihre Trabanten,
um den Bund zu erneuen, den der Eigennutz, wie er ihn zu Ailsit ge-
schlossen hatte, nun auch schon zu sprengen drohte. Es gelang der Üüber-
legenheit Napoleons, Rußland vorläufig noch im Schlepptau der französischen
olitik zu halten. Vor der Aussicht auf die türkische Beute trat bei dem
aiser Alexander sogar das Drückende der Kontinentalsperre (§ 586), der
Rußland schon im Tilsiter Frieden beigetreten war, zurück. Damit war
der Westen Europas Napoleon überantwortet. Schon waren die Bourbonen
in Spanien gestürzt, um Napoleons ältestem Bruder Joseph, der bisher
nach Vertreibung der bourbonischen Dynastie in Neapel König gewesen war,
Platz zu machen. An Josephs Statt ward Murat, Napoleons Schwager,
König in Neapel. Die Krone des Königreichs Italien (in Norditalien) trug
zwar Napoleon selbst, aber sein Stiefsohn Eugen Beauharnais nahm als
Vicekönig des Landes eine den genannten Unterkönigen nicht unähnliche
Stellung ein. Der Papst ward im Jahre 1809 aller seiner Besitzungen
beraubt und selbst gefangen gesetzt. In Holland saß Napoleons Bruder
Louis auf dem Königsthron, in Deutschland folgte der Rheinbund seinen
Winken: Dänemark war ihm dienstwillig angeschlossen; Schweden nach der
Vertreibung des Königs Gustav IV., 1809, bereit, sich ihm in die Arme
zu werfen. — So herrschte er über den weiten Westen Europas. Auf der
andern Seite hatte Alexander Finnland von Schweden erobert und war
im Begriff, die alten russischen Pläne auf die Türkei auszuführen. Neben
diesen beiden Mächten stand England, in schonungsloser Selbstsucht auf
allen Meeren herrschend, in stetem Fortschreiten und Siegen in den Kolonieen
und mit ruhmwürdiger Beharrlichkeit im Kampfe gegen Napoleon aus-
dauernd. Osterreich aber und Preußen schienen zwischen diesen Kolossen fast
schon erdrückt.
So war die Lage Europas nach den Tagen von Lilsit und Erfurt.
13. Preußens Wiedergeburt. Stein. Scharnhorst.
§ 594. Das furchtbare Unglück begann die alte Lebenskraft in Deutsch-
land allmählich wieder aufzuwecken. Am tiefsten war Preußen gefallen; am
schnellsten und herrlichsten ging hier ein innerer Umschwung vor sich. Der
Tag von Jena und Muechiübt hatte nicht nur unendliche Schmach über
Preußen gebracht; dies Land hatte auch mehr als ein anderes durch Kon-
tributionen, Plünderungen, durch den Ubermut der Sieger gelitten. Die
Preußen aber hatten eine ruhmvolle Geschichte aus jüngster Vergangenheit,
die den Rheinbundstaaten fehlte, und tiefer brannten hier in den Seelen
die Frevel, die man dulden mußte. Die Unglücksjahre 1806 und 1807
hatten die früheren Fehler aufs grausamste bloßgelegt, und Friedrich Wil-
helm III. hatte jetzt mit der Erkenntnis derselben auch den ernsten Willen,
das Werk der Ungestaltung zu beginnen. Noch in der ersten Zeit des
Unglücks hatte er Bedenken getragen, dem Manne sich anzuvertrauen, den
alle patriotischen Stimmen als den einzigen bezeichneten, der in dieser
äußersten Lage des Staates Rettung bringen könne. Als nach den Un-