Volltext: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Jasmund am 17. März 1864 zeigte sid das kleine preussische Geschwader unter Tachınarın des kampferprobten Ober- 
beieblshabers würdig; Moltke schrieb das Zeugnis: unsere Marine zeigt, was sie bei besserem WMaierial leisten würde, 
durch ihr zwar erfolaloses, aber keckes Auftreten. 
Eine kriegsbrauchbare Flotie zu schaffen, war damals besonders schwer, weil Schifibau und Waffenkunst gerade allerlei 
einander überhastende Wandlungen erfuhren. Man baute schon Raddanpfer, als die erste preussische Segqelkorveite vom 
Stapel lief, die sich nur wenig von de Ruyters Kampfschiffen unterschied. Als bald nachher die Schifisschraube sich bewährte, 
war das Schicksal der hübschen Segelschille besiegelt. Für den Kampf galt fortab die Dampfkraft, weil sie die Schifie 
beweglich und unabhängig von den Launen des Windes machte; die Takelung sollte nur noch auf arossen Seereisen Kohlen 
sparen. Die Bombenkansnen zwangen zur Panzeruna der Schiffskörper. Im amerikanischen Bürgerkrieg bewährten sich 
kleine Panzerschifle; zugleich tauchten zwei neue Seewallen auf, die Ramme und der Corpedo. Fast gleichzeitig ging 
man vom teuern und langsamen Bolzschifibau auf den schnellen und billigeren Eisenbau über. Als daher die Seeschlacht 
bei Lissa die Ueberlegenheit der Panzerfregatten im Hochseekampfe bewies, zögerte ınan in Preussen nicht länger, aqresse 
eiserne und stark gepanzerte Schlachischilfe zu schaffen. 
Deshalb iorderte der Marineminisier v. Roon in dem Floitenplane von 1867 für die Marine des Norddeutschen Bundes vor: 
läufig, für den ersten Abschnili des Flottenbaues, 16 Panzerschilfe, 20 Korvelten und 40 kleinere Schiffe. Der norddeutsche 
Reichstag stimmte einmülig dem Ziele zu, dass Norddeutschland in die Reihe der grösseren $Seemächte eintreten müsse. 
Im grossen Kriege, der Deutschlands Einbeit schuf, fiel dem kaum kriegsfertigen kleinen Panzergeschwader eine „undankbare, 
zu echtem heldenruhm keinen Raum bielende Rolle" zu. Uon schwerer Uebermacht waren wieder die deutschen Tord= und 
Ustseeküsten gesperri, der Seeverkehr lag brach, viele Bandelsschiffe gerieten in Teindesband. Und doch durften die feind. 
lichen Blockadefloiten nicht angegrifien werden; unser Panzergeschwader wäre mulzlos geopfert worden, unsere Kiste wäre 
dann völlig schutzlos geblieben. Im Auslande wurden die paar deutschen Kreuzer auch vom seebeherrschenden Gegner im 
Schach gehalten; nur in einem schneidigen kleinen Kanonenbootszweikampi bewies die Marine unter Knom, dem Kom: 
mandanten des Meteor, wieder einmal, was sie mit besserem Material im ganzen hätte leisten können. Auch der Kaper- 
kreuzer Augusta unter Weidkhmann führle einige kühne Seemannssireiche aus. Das war aber auch alles: unbebindert 
empfing Frankreich über See Waffen von neutralen Geschäftsleuten und stärke seine Widerstandskraft. Wiel Blut wäre gespart 
worden, wenn eine deutsche Flolle damals die See beherrscht hätte! Dass umsere Bäfen nicht angegrilien wurden, hatte man 
lediglich der beispiellos raschen Entwickelung des Landkriegs zu danken. 
Die herrlichen Eriolge des Heeres waren dem Wachstum der Flotte nachleilig; bei der Gründung des neuen Deutschen Reichs 
sahen das Volk und seine Leiter auch für die Zukunft die enischeidende Macht im Beere allein. Deshalb war der Flotten- 
gründungsplan von 1873, den v. Stosch als erster Chef der Admiralität aufstellte, nur wenig grösser als der alte Roonsche 
Plan. Freilich halien wir damals überseeische Gegner nicht zu erwarten, weil der deutsche Sechandel noch nicht beneidens- 
wert war, weil ersi wenige deutsche Kräfte in fernen Ländern wirkten, und weil deutscher Landsiiz an fremden Küsten 
noch fehlie. Was Roon schon wollte: die Krali der Flotte für den Angriff gegen feindliche Floiten, Küsten und Bäfen zu 
entwickeln, wurde nicht erreicht! Des Prinzadmirals Grundsatz: Das Deuische Reich darf nicht eine Flotte haben, die zu 
klein ist zum Leben und zu gross zum Sterben! — blieb noch unverstanden und unerfüllt, als der unvergessliche Vor: 
kämpfer für Deutschlands $eemacht starb. 
Inzwischen leistele die Flotte alljährlich mehr und mehr im Auslande zum Nutzen der Reichsbürger; Batsch als Geschwaderchef 
in Baili, Reinhold Werner als Kommodore in Spanien Hlössten zuersi dem Auslande Achtung vor der deutschen Kriegsflagge 
ein. Für das Wohl der Deutschen sorgte 1876 in Ostasien ein Geschwader von 6 Schiffen, im Mittelmeer ein statiliches 
Panzergeschwader unter Batsch. 
Stosch machte die Marine auch den Wissenschaften dienstbar; die Forschungsreise der Gazelle unter v. Schleinitz war eben- 
sosehr sein Verdienst, wie die Gründung der deutschen Seewarte, die zu Mutz und Frommen aller deutschen Seefahrer 
seitdem beständig und erfolgreich unter ihrem genialen Leiter Prof. Dr. Neumayer wirkt. 
Der Eintritt des Prinzen heinrich in den Flottendienst (1877) bekundete aufs neue, welchen Wert das Bohenzollerngeschlecht 
der Flotte beimisst. 
Stosch hatte inzwischen der Marine feste Gliederung und mustergültige Verwaltung gegeben; sein Nachiolger Zaprivi hob 
die Kriegsbereitschafi der Flofte, freilich mehr, um das Beer von der Küstenverteidigung zu entlasten, als um die Marine den 
Hufgaben jeder grösseren Seemacht gewachsen zu machen. Er baufe nur Küstenpanzerschifie, während die Rochseeschlachi- 
schiite veralieten. Freilich schien eine Zeit lang der Aufschwung der Corpedowalle die Panzerschilfe verdrängen wollen. Als 
aber in den Schnellfeuerkanonen ein sehr wirksames Gegenmittel enisiand, verlor der Corpedo die Hussicdyt, Hauptwalle des 
Seekriegs zu werden, und spielt seitdem nur noch eine Debenrolle als Gelegenheitswaffe. Huch die Kreuzerflotte veraltele bedenk- 
lich, leistete aber mil ihren geschulten Besatzungen Creifliches für die deuische Kolonialpolitik in Alrika und in der Südsee. 
Als Kaiser Wilhelm I, sein erstes bedeutsames Worl an die Marine richtete und seine lebhafte und warme Fürsorge für 
sie verkündete, war der Schifisbestand in gesunden Wuchs weit zurückgeblieben. Armselige Witzbolde nicht beachtend, 
ging der Kaiser zäb und unermüdlich an das schwere Werk, lange Versäumtes nachzubolen, der deutschen Flotte endlich 
Kraft und Selbsiändigkeit zu geben. Nun wurde die Flotte endlich miündig, Seeoilizieren wurde die Leitung anvertraut: 
mit dem Reichsmarineamt wurde eine Behörde aeschallen, der die Sorge für die Einrichtung, die Verwaltung und die 
Entwickelung der Flotte obliegt. 
  
  
  
  
  
  
  
  
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