Contents : Archiv für öffentliches Recht. Band 28 (28)

532  Der  Verfassungsstaat  und  die  deutsche  Frage  (1840—1859).

Militärs  über  den  Befehl  sehr  erstaunt.  Der  Prinz  von  Preußen  und  General.
Prittwitz  erhoben  Zweifel  an  der  Richtigkeit  seiner  Wiedergabe;  aber  Bodelschwingh
  schlug  jeden  Widerspruch  nieder  mit  dem  entschiedenen  Hinweis  auf
den  deutlich  kundgegebenen  Willen  des  Königs.  Prittwitz  suchte  unn  die  Ausführung
  erst  in  der  Weise  einzuleiten,  daß  nur  da,  wo  die  Barrikaden  wirklich
weggeräumt  waren,  die  Truppen  zurückgezogen  würden;  dann  aber  gab  er  Befehl,
  daß  sich  alle  Truppen  auf  das  Schloß  zurückziehen  sollten.  Dabei  drängten
nun  die  Massen  hinter  dem  Militär  her,  ohne  daß  ein  Versuch  gemacht  wurde,
sie  abzuhalten.  Der  Prinz  von  Preußen,  der  das  Schlimmste  befürchtete,  befragte
jetzt  geradezu  seinen  königlichen  Bruder,  ob  das  der  Sinn  seines  Befehls  gewesen
sei.  Der  König,  in  höchster  Verwirrung,  erwiderte,  das  habe  er  nicht  befohlen;
es  solle  nach  seiner  Proklamation  verfahren  werden.  Es  war  aber  zu  spät.
Das  Volk  dräugte  schon  über  die  Lange  Brücke  auf  den  Schloßplatz;  das  Militär,
das  sich  nicht  wehren  durfte,  wurde  verhöhnt  und  beschimpft,  selbst  tätlich  angegriffen;
  Prittwitz  verzweifelte  daran,  die  Truppen,  die  seit  24  Stunden  nichts
gegessen  hatten,  im  Schlosse  selbst  unterbringen  und  verpflegen  zu  können.  In
seiner  verbissenen  Opposition  gegen  die  Absichten  des  Königs  beschränkte  er  sich
auf  die  buchstäbliche  Befolgung  des  ihm  erteilten  Befehls  und  zog  mit  einer
Art  von  bitterer  Genugtuung  die  ihm  unvermeidlich  dünkenden  Konsequenzen
daraus.  Der  Zustand  vor  dem  Schlosse,  wo  das  Militär  wehrlos  den  Beschimpfungen
  des  Pöbels  ausgesetzt  war,  konnte  in  der  Tat  unhaltbar  erscheinen;
Prittwitz  ordnete  den  Abmarsch  der  Regimenter  in  ihre  Kasernen  an;  und  da
sie  auch  dort  von  den  aufgeregten  Massen  nicht  in  Ruhe  gelassen  wurden,  erlaubte
  er  ihnen  weiterhin,  sich  aus  der  Stadt  selbst  zu  entfernen.  Dabei  hatte
er  die  notwendigste  Deckung  des  Schlosses  selbst  verabsäumt  und  den  König
schutzlos  den  Demütigungen  preisgegeben,  die  seiner  harrten.

Auf  den  Straßen  herrschte  großer  Jubel:  die  Revolution  hatte  schließlich
doch  gesiegt,  das  verhaßte  Militär  war  fort.  Die  Wut  des  Pöbels  richtcete  sich
jetzt  namentlich  gegen  den  Prinzen  von  Preußen,  den  man  falschlicherweise  für
den  Straßenkampf  verantwortlich  machte.  Um  ihn  der  drohenden  Gefahr  zu
entziehen,  wurde  er  nach  England  gesandt;  nur  durch  heimliche  Flucht  und
Verkleidung  gelang  es  ihm,  den  Spürhunden  der  Revolution  zu  entkommen.
Auch  der  König  selbst  hatte  im  ersten  Moment  die  Absicht,  Berlin  zu  verlassen
und  sich  unter  den  Schutz  seiner  Truppen  zu  stellen;  aber  die  sich  drängenden
Ereignisse  haben  ihn  abgehalten,  diese  Absicht  auszuführen.  Im  inneren
Schloßhof  erschien,  noch  am  Vormittag  des  19.  März,  ganz  nach  Pariser  Muster,
ein  Leichenzug  mit  den  beim  Straßenkampf  gefallenen  Revolutionären;  König
und  Königin  wurden  gezwungen,  auf  den  Altan  hinauszutreten  und  den  Leichen
der  Barrikadenkämpfer  Ehrenbezeugungen  zu  erweisen.  Die  Monarchie  war
gedemütigt  wie  das  Heer.  Der  Köuig  sollte  fortan  unter  dem  Schutze  der
Bürger  stehen,  nicht  unter  dem  des  Militärs.  Eine  Bürgerwehr  wurde  gebildet,
  und  sie  hat  es  verstanden,  die  Ruhe  in  kurzer  Zeit  einigermaßen  wiederherzustellen.
  Graf  Arnim-Boytzenburg,  der  neue  Ministerpräsident,  scheint  den
König  dahin  beeinflußt  zu  haben,  daß  er  sich  diesen  Zustand  vorläufig  gefallen
ließ  und  den  Gedanken,  Berlin  zu  verlassen  und  sich  an  die  Spitze  der  Truppen
zu  stellen,  ausgab.  Der  Revolution  mußten  nun  allerdings  noch  weitere  Zugeständnisse
  gemacht  werden.