Volltext : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

Zustand  der  eroberten  Stadt.  157

so  werden  sie  im  deutschen  Vaterhause  schon  wieder  erwarmen  und
werden  lieber  kräftige,  blühende  Glieder  des  großen,  markigen,  lebensfrischen
  deutschen  Volkes  als  Anhängsel  des  faulenden  Leichnams
Frankreich  sein  wollen.

Als  die  ersten  deutschen  Regimenter  in  die  Stadt  einrückten,  trug
sie  noch  ganz  das  schreckliche  Aussehen,  welches  der  Schrecken  und
die  Gefahren  der  Beschießung  ihr  verliehen  hatten.  Die  Porte  Nationale
  mit  ihren  festen  Thorthürmen  war  ein  Trümmerhaufe,  und
von  hier  aus  reihte  eine  Ruine  sich  an  die  andere,  so  weit  das  Auge
reichte.  Die  dampfenden  Trümmer  erfüllten  die  Luft  mit  widerlichem
Brandgeruch,  öde  und  wie  ausgestorben  waren  die  Stadttheile,  welche
am  meisten  gelitten  hatten,  kein  Haus  war  mehr  bewohnbar.  Im
Mittelpunkte  der  Stadt  und  auf  der  Südseite  sah  es  weniger  schrecklich
aus,  aber  auch  hier  fand  man  die  Spuren  der  Brandgeschosse,  hier
und  da  zeigte  sich  ein  niedergebranntes  Haus,  von  einer  Granate
waren  Pfeiler  fortgerissen  oder  Fenster  zertrümmert,  Dächer  abgedeckt.
An  die  Seitenwände  der  Häuser  hatte  man  Bretter  gestellt,  oder  die
Fenster  und  Thüren  mit  Brettern  überkleidet,  um  die  Sprengstücke
abzuhalten.

Die  Einwohner  hatten  zum  größten  Theil  ihre  Wohnungen  in
den  Kellern  aufgeschlagen,  und  die  Kellerlöcher  mit  Misthaufen  oder
mit  Sandsäcken  verdeckt.  Sie  hatten  eine  Gefangenschaft  voller  Angst
und  Entbehrung  in  diesen  dumpfigen  Wohnungen  auszuhalten.

Jetzt  kamen  sie  wieder  hervor  aus  ihren  Verstecken,  sie  fingen
wieder  an  ihre  Wohnungen  einzurichten  und  den  Schaden  auszubessern
—  wenn  das  noch  möglich  war.  Denn  so  mancher  Familie  war  das
Haus  völlig  bis  auf  den  Grund  zerstört,  besonders  die  weiße  Thurmstraße,
  die  Brogliegasse,  die  Steinstraße,  die  Münstergasse  lagen  fast
ganz  in  Ruinen.  Das  Münster  hat  sehr  wenig  gelitten,  ein  Theil
des  Daches  war  abgebrannt,  einige  Thürmchen  und  Ornamente  waren
zerschlagen  und  ihre  Trümmer  auf  dem  Platze  umhergestreut.  Der
Schaden  war  mit  leichter  Mühe  herzustellen.

Der  Schaden,  welcher  durch  die  Beschießung  der  Stadt  allein
an  Immobilien  verursacht  war,  wurde  auf  85  Millionen  Franks  abgeschätzt,
  von  Zivilpersonen  waren  299,  meist  Frauen  und  Kinder,