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verstaut werden wie die Akten in einem Schrank, sind
gar nicht für kinderreiche Familien berechnet. Sie
könnten von Anhängern des Malthus erfunden sein und
dürften von ihnen prämiiert werden. Für die Kinder
ist da nirgends gesorgt. Mietet man als kinderreicher
Vater in einer solchen Mietskaserne und fragt nach
einem Spielplatz oder einem sonstigen Aufenthalt für
die Kinder, so wird man von den Hauswirten meist
ganz verwundert angesehen in dem Gefühl, daß die
Hauswirte in dieser Beziehung nicht die geringste Ver-
antwortung tragen. Dabei sind die Wohnungen in der
Regel so teuer, daß ein besonderes Kinderzimmer sich
nur wenige Menschen leisten können. Die meisten
Eltern sind in der größten Verlegenheit, was sie wohl
mit ihren Kindern anfangen sollen. Zum überfluß
haben die Hauswirte auch noch in den Häusern an-
geschlagen: Kindern ist der Aufenthalt auf den Treppen,
Höfen und Fluren verboten. Wo sollen die Eltern nun
mit den armen Kindern hin? — Die Straße ist doch
sicher der allerungeeignetste Spielplatz. *
Weil die Mietskasernen für kinderreiche Eltern nicht
eingerichtet sind, bekommen diese in den Großstädten
auch schwer Wohnung. Man kennt die Klagelieder, die
darüber in die Offentlichkeit gelangt sind.
Allmählich ist es glücklicherweise weiten Kreisen zum
Bewußtsein gekommen, daß wir andere Häuser und
Wohnungen bauen müssen, wenn kinderreiche Familien
in den Großstädten sich wohl fühlen sollen. Wir müssen
zum Kleinhaus und zum Flachbau zurückkehren und
wo es irgendwie angängig ist, den Garten hinzunehmen.
Wo z. B. Baugenossenschaften in diesem Sinne ihre
Baupolitik abgeändert haben, sind auch sofort die Woh-
nungen von mehr Kindern bevölkert worden.
–.——
Julius Sineneld. bofbuchdrucker. Berlin W. #