26 Fortbildungsschulwesen.
für uns in Frage kommt, lehnt sich begrifflich vielmehr an die Auffassung
Pestalozzis und Herbarts an, die die Erzielung eines scharfen
Empfindens, Beobachtens und Denkens aller den Schüler umgebenden
Erscheinungen des menschlichen Daseins anstrebt. Weniger die Anhäufung
einer großen Masse von Wissensstoff ist erwünscht, als vielmehr
eine innere Harmonie, einVerständnis der gegebenen Lebensverhältnisse,
eine Übereinstimmung im Wollen und Vollbringen. Herbart sagt:
„Wie nun die schlechte Elementarschule und das schlechte Gymnasium
gleichartig sind, so gleicht auch die guteSchule stets sich selber, sie sei
mäßig groß wie die Hauptschule, oder weit umfassend wie das Gymnasium,
oder so klein und eng zusammengekrümmt wie die Elementarund
Dorfschule. Immer ernährt sie dieselben Interessen, immer leitet
sie zum Denken ebensowohl als zum Beobachten; immer weist sie auf
das Schöne in der Welt und auf das Erhabene über der Welt; immer weckt
sie die Mitempfindung für häusliches und bürgerliches Wohl und Wehe.
Darum, weil sie dies leistet, ohne etwas davon auszulassen, weil sie es
gleichmäßig leistet, ohne eins dem anderen vorzuziehen, darum ist sie
eine gute Schule. Der Ruhm der Elementarschule besteht darin, daß
sie mit wenigem viel ausrichtet.‘“
Wenn nun so die allgemeine Bildung nicht nur das Gemüt des
Zöglings, sondern auch dessen Denken und Beobachten pflegt, arbeitet
sie im letzterwähnten Teile ihrer Obliegenheiten der Berufsbildung der
Fortbildungsschule vor. Da aber andererseits Berufsbildung immer
etwas einseitig sein möchte, muß ihr auf der Fortbildungsschule die
staatsbürgerliche Bildung als Gegengewicht zur Seite gesetzt werden,
um rechte Menschen zu erziehen, nicht kalte Eigenbrötler und Egoisten.
Mit der Mannigfaltigkeit der Interessen wächst die Freude am Leben,
das Verständnis für die Eigentümlichkeiten anderer, kurz die Lust,
an den Arbeiten der Allgemeinheit eifrig mitzutun; und diese Lust in
unserer Jugend wachzurufen, das ist die vornehmste Aufgabe der
Fortbildungsschule.
Erfüllen kann sie diese Aufgabe aber nur, wenn sie nichtStunden um
Stunden der an sichschon soknapp ihr zugemessenenZeit dazu verwenden
muß, um wiederholend die ersten Anfangsgründe des Wissensim Lesen,
Rechnen und Deutsch zu befestigen, ohne die jeder Schritt nach einem
höheren Standpunkte hinauf vergeblich sein würde. Schauen wir uns
nun einmal um, ob denn die Volksschule wirklich der Fortbildungsschule
ein Schülermaterial sendet, das diesen Anforderungen auch nur annähernd
entspricht. Beispiele sprechen:
1905 wurden aus den Leipziger Volksschulen 3637 Knaben entlassen,
2378 davon (ca. 65 %) besuchten die in Sachsen durch Landesgesetz
eingeführte Pflichtfortbildungsschule, während der Rest entweder sich