Full text : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

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7l.  Des  Volkes  Not.
(1813.)

Die  furchtbare  Schlacht  bei  Bautzen  kam;  der  Waffenstillstand  folgte.
Sorgenvoller  wurde  der  Blick  des  Volkes.  Ströme  von  Blut  waren  geflossen;
  das  Heer  war  zurückgedrängt;  Napoleon  schien  für  irdische  Waffen
unbesiegbar.  Und  doch,  obgleich  gerade  die  Klügsten  einige  Wochen  finster
in  die  Zukunft  schauten,  dem  Volke  erhielt  eine  richtige  Empfindung  das
Selbstgefühl  und  den  gehobenen  Entschluß.  Vertrauen  zu  Gott,  zur  guten
Sache,  zur  eigenen  Kraft  war  die  Grundstimmung.  Jeder  sah,  daß  die
preußische  Kraft  in  diesem  Feldzuge  unvergleichbar  stärker  war  als  im
unseligen  letzten  Kriege.  Nur  noch  wenig  schien  an  Stärke  zu  fehlen  und
man  warf  den  Tyrannen;  wenn  man  die  Anstrengung  noch  um  etwas  erhöhte,
  so  mochte  er  hinweggeschleudert  werden.  Die  freiwilligen  Beiträge
gingen  fort;  noch  im  Spätherbst  wurde  über  den  Empfang  quittiert.  Die
Ausrüstung  der  Landwehren  wurde  beendet;  überall  schnitt,  nähte,  pochte
der  Handwerker  für  seinen  König  und  das  Vaterland.

Und  wieder  begann  der  Drang  des  Krieges,  Stoß  und  Gegenstoß,
Flut  und  Rückschlag;  hart  drängten  die  Heere,  bald  sah  man  vom  Turme
die  Heerhaufen  der  Feinde  bald  der  Freunde  heranziehen.  Die  Städte
und  Landschaften  im  Westen  von  Berlin  und  Breslau  erfuhren  jetzt  selbst
das  Schicksal  des  Krieges.  Ach,  seine  schrecklichen  Bilder  sind  dem  Deutschen
nicht  fremd;  bis  zur  Zeit  unserer  Väter  haben  sie  fast  jedem  Geschlecht
deutscher  Bürger  die  Seele  erschüttert.

Dumpfe,  kurze  Schläge  in  der  Luft;  es  ist  ferner  Kanonendonner.
Auf  dem  Markte,  vor  den  Toren  stehen  lauschende  Haufen;  wenig  wird  gesprochen,
  halbe  Worte  mit  gedämpfter  Stimme,  als  fürchte  der  Sprecher
den  Klang  in  der  Luft  zu  übertönen.  Vom  Kranz  der  Türme,  vom  Giebel
der  Häuser,  welche  dem  Kampfplatze  zu  liegen,  spähen  die  Augen  der  Bürger
ängstlich  in  die  Ferne.  Am  Rande  des  Horizonts  liegt  es  wie  eine  weiße
Wolke  im  Sonnenlicht;  nur  zuweilen  regt  es  sich  darin,  ein  helles  Aufleuchten,
ein  dunkler  Schatten.  Aber  auf  den  Seitenwegen,  welche  aus  den  nächsten
Dörfern  von  der  Landstraße  seitab  führen,  bewegen  sich  dunkle  Haufen.
Es  sind  flüchtige  Landleute,  welche  quer  durch  das  Land  in  den  Wald  oder
in  die  Berge  ziehen.  Jeder  auf  den  Schultern,  was  er  zusammenraffte;
nur  wenige  vermögen  ihre  Habe  zu  fahren,  denn  Wagen  und  Pferde  sind
ihnen  schon  seit  Wochen  vom  Kriegsvolke  genommen;  Buben  und  Männer
treiben  mit  ängstlichem  Schlage  ihre  Herden;  laut  jammernd  tragen  die
Weiber  ihre  kleinsten  Kinder.  Und  wieder  ein  Rollen  in  der  Luft,  deutlicher,
heller.  In  wildem  Rennen  stürmt  ein  Reiter  durch  das  Stadttor  und  wieder
einer.  Die  Unsern  ziehen  sich  zurück.  Die  Haufen  der  Unsern  fahren  auseinander;
  angstvoll  rennt  das  Volk  in  Häuser  und  wieder  auf  die  Straßen;
auch  in  der  Stadt  beginnt  die  Flucht.  Laut  ertönt  Schrei,  Zuruf  und  Klage.
Wer  noch  ein  Gespann  hat,  reißt  die  Rosse  zur  Deichsel;  die  Tuchmacher
werfen  ihre  Ballen,  der  Kaufmann  die  wertvollsten  Kisten  auf  das  Geflecht,
oben  darauf  die  eigenen  Kinder  und  die  der  Nachbarn,  Zu  den  abliegenden