Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Zimmermann:  Entwicklung  und  Ergebnisse  der  kolonialen  Arbeit  Deutschlands  13

sogar  gegen  die  Spanier  zur  Gewalt.  Die  dabei  erselten
  rfolge  veranlaßten  ihn,  1680  seinem  Admiral

ie  Erlaubnis  zur  Anlage  von  Faktoreien  an  der
Goldküste  Westafrikas  zu  erteilen.

Bis  1717  ist  dieser  Sesi  in  deutscher  Hand  geblieben,
  obwohl  Holland,  England  und  Frankreich
um  die  Wette  das  brandenburgische  Unternehmen,
das  von  1682  ab  seinen  Sitz  in  Emden  hatte,  aufs
rücksichtsloseste  bekämpft  und  geschädigt  haben.  Dadurch,
  daß  sie  ihm  die  Vrrschisfung  von  Negerarbeitern
  nach  Amerika,  zu  jener  Zeit  das  einzige  Geschäft,
das  afrikanische  Unternehmungen  bezahlt  machte,  bis
ur  Unmöglichkeit  erschwerten,  zwangen  sie  schließlich
Freedrich  Wilhelm  I.,  die  Faktoreien  zu  veräußern.

Wie  wenig  dieser  durch  besondere  Umstände  bedingte
  Mißerfolg  den  Drang  der  deutschen  Handelswelt
  nach  überfeeischen  Unternehmungen  abgekühlt
hat,  beweist  die  Tatsache,  daß  um  dieselde  Zeit  der
Wiener  Hof,  an  den  nach  Abschluß  des  Spanischen
Erbfolgekriegs  Belgien  mit  dem  Ostender  Hafen  gefallen
  war,  von  verschiedensten  Seiten  mit  kolonialen
Plänen  bestürmt  wurde.  Ehe  noch  die  Regierung  sich
schlüssig  gemacht  hatte,  sandten  wagemutige  Kaufleute
  Anfang  1715  von  Ostende  drei  Schiffe  mit  Waren
  nach  Indien.  Als  sie  Mitte  des  folgenden  Jahres
zurlickkehrten,  konnten  über  100  Prozent  Gewinn  verteilt
  werden.  Ihr  Erfolg  förderte  den  Eifer  anderer
Wagemutiger.  Aber  Vorstellungen  und  Drohungen
Englands  und  Hollands  schüchterten  die  kaiserliche
Regierung  ein.  Erst  1718  ließ  sie  neue  Fahrten  nach
Indien  zu.  Auch  diese  Schiffe  machten  gute  Geschäfte.
Da  überdies  die  Weltlage  sich  inzwischen  günstiger  gestaltet
  hatte,  ging  man  nun  in  Wien  dazu  über,  amtliche
  Pässe  für  Unternehmungen  in  Indien  zu  erteilen
und  die  Einsprüche  Englands  und  Hollands  abzuweisen.
  Der  um  jene  Zeit  in  Paris  und  London  ersolgende
  Mississippi-  und  Südseekrach,  der  beide  Läner
  in  arge  Schwierigkeiten  verwickelte,  begünstigte  die
deutschen  Pläne.  Man  sandte  daher  nicht  nur  neue
Schiffe  nach  Indien  und  faßte  den  Erwerb  der  Insel
Tabago,  der  Salomonsinseln,  ja  sogar  Madagaskars
ins  Auge,  sondern  man  erteilte  1722  der  -Kaiserlichen
und  königlichen  Kompanie  für  die  österreichischen  Niederlande
  ein  kaiserliches  Privileg.  Das  Kapital  von
6  Millionen  Gulden  wurde  im  Handumdrehen  gezeichnet.
  Der  Kurs  der  Aktien  stellte  sich  sofort  auf
1120.  Im  Jahre  1725  konnten  bereits  6  Proz.  verteilt
  werden.  Während  der  nächsten  Jahre  stiegen  die
Gewinne  fortgesetzt.  England  und  Holland,  die  Österreich
  gegenÜber  damals  nicht  zur  Gewalt  zu  greifen
wagten,  gerieten  in  schwere  Besorgnis.  Da  bot  das
österreichisch--  spanische  Bündnis  ihnen  eine  Handhabe.
Sie  wußten  Frankreich  und  sogar  Preußen  zum  Zusammenschluß
  mit  ihnen  zu  bringen.  Der  Musschluß
der  österreichischen  Niederlande  vom  Handel  mit  Indien
  wurde  als  eines  der  Ziele  des  Bundes  ausdrücklich
  erklärt.  Als  gar  noch  eine  neue  Gefahr  von  seiten
der  Türkei  auftauchte,  der  Papst  auf  Seite  der  Liga
trat  und  Kaiser  Karl  VI.  die  Zustimmung  der  Mächte
kr  Anderung  der  österreichischen  Thronfolgeordnung

auchte,  wagte  man  in  Wien  das  so  aussichtsreiche
Unternehmen  nicht  fortzuführen.  1732  wurden  die
Fahrten  nach  Indien  eingestellt  und  die  Gesellschaft
aufgelöst!  —  Trotz  dieser  bösen  Erfahrungen  haben
sichsowoh  Marta  Theresia  wie  Friedrich  d.  Gr.  mehr
als  einmal  mit  neuen  überseeischen  Plänen  beschäftigt
und  einigen  zu  ihrer  Verwirklichung  bestimmten  Unternehmungen
  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Die  Ungunst

der  Weltlage  beraubte  sie  aber  im  voraus  der  Möglichkeiteines
  Erfolgs.  Und  selbst  wenn  er  ihnen  beschieden
ewesen  wäre,  würden  die  Revolutionskriege  ihren
esitz  ebenso  wie  den  der  anderen  Staaten  in  die  Gewalt
  des  meerbeherrschenden  Englands  gebracht  haben.
Trotz  Englands  übermacht  ist  im  19.  Jahrhundert
der  Wunsch  nach  Erwerb  eigener  Kolonien  in  Deutschland
  nicht  mehr  eingeschlafen.  Man  verlangte  nach
ihnen  nicht  nur,  um  sich  im  Handel  mit  tropischen
Erzeugnissen  von  England  unabhängig  zu  machen,
sondern  auch  um  nicht  alljährlich  die  vielen  Tausende
von  Auswanderern  für  das  deutsche  Volkstum  zu  verlieren.
  Immer  wieder  haben  Privatleute  und  Vereine
koloniale  Pläne  aufgestellt  und  den  Versuch  unternommen,
  deutsche  Gemeinschaften  über  See  zu  gründen.
  Am  lebhaftesten  wurde  die  Bewegung  in  den
1840er  Jahren,  als  der  Zollverein  einen  großen  Teil
Deutschlands  wirtschaftlich  geeint,  damit  gestärkt  und
mit  neuem  Selbstgefühl  erfüllt  hatte.  Neben  allerlei
Vorschlägen  für  Ansiedlungen  in  Süd=  und  Mittelamerika,
  Australien  und  Wrika  wurde  damals  von
dem  sogenannten  deutschen  Adelsverein  der  ernstliche
Versuch  gemacht,  in  dem  zu  jener  Zeit  halb  unabhängigen
  Texas  einen  großen  deutschen  Pflanzstaat  ins
Leben  zu  rufen.  —  An  der  nie  schlummernden  Eifersucht
  und  Wachsamkeit  Englands  sind  diese  Pläne  gescheitert.
  Die  Monroedoktrin  der  Vereinigten  Staaten
  machte  bald  ihr  Wiederaufleben  unmöglich.

II.  Der  Erwerb  der  Schutzgebiete.

Der  Freiherr  Klaus  von  der  Decken  ist  es  gewesen,
der,  als  sich  die  Weltlage  für  die  Deutschen  Anfang
der  1860er  Jahre  günstiger  gestaltete,  die  ersten  vorbereitenden
  Schritte  zum  Gewinne  kolonialen  Besitzes
in  Afrika  getan  hat.  Sein  Ziel  war  Erwerb  der  ostafrikanischen
  Tana=  und  Jubagebiete  mit  ihrem  bergigen
  Hinterlande.  Sein  friher  Tod  hinderte  ihn  an
der  Verwirklichung  seines  Planes.  Doch  der  Überlebende
  Teilnehmer  seines  Zuges,  Dr.  O.  Kersten,  ließ
nicht  ab,  seinen  Gedanken  weiter  zu  verfechten.  Auf
seine  Veranlassung  gingen  Ende  der  1870er  Jahre  die
Brüder  Denhardt  ins  Tanaland,  erforschten  es  und
bereiteten  eine  deutsche  Niederlassung  vor.  Während
sie  in  Afrika  arbeiteten  und  vergebens  bemüht  waren,
die  Unterstützung  der  Reichsbehörden  zu  erlangen,
sah  sich  der  deutsche  Reichskanzler  aus  politischen  wie
wirtschaftlichen  Erwägungen  heraus  bewogen,  staatliches
  Eingreifen  zugunsten  eines  kolonialen  Unternehmens
  in  der  Südsee  ins  Auge  zu  fassen.  Er  wollte
durch  Gewährung  einer  Zinsgarantie  die  großen
Godeffroyschen  Pflanzungen  auf  den  Samoainseln
vor  Zusammenbruch  retten.  Die  Furcht  vor  Verwicklungen
  mit  anderen  Mächten  und  Abneigung  gegen
so  gewagte  Geschäfte,  vielleicht  auch  Haß  gegen  den
Kanzler  veranlaßten  die  Mehrheit  des  Reichstags,  die
Vorlage  abzulehnen.  Fortgesetzte  Hilfegesuche  deutscher
  Unternehmer  in  herrenlosen  Überseeischen  Ländern
  gegen  Vergewaltigungen  durch  die  Eingeborenen
oder  Fcinde  Staaten  bewogen  aber  die  deutsche  Reierung,

  dem  Drängen  zahlreicher  Freunde  ko  onialer
Unternehmungen  nochmals  nachzugeben.  Im  April
1883  erkundigte  sich  Fürst  Bismarck  in  Hamburg  und
Bremen  nach  den  Beschwerden  und  Wünschen  der  in
Afrika  tätigen  Firmen.  Auf  ihre  Darlegungen  hin
beschloss  er,  die  herrenlosen  Gebiete,  die  ur  eutsche
Arbeit  in  Betracht  kamen,  unter  den  Schutz  des  Reiches
zu  stellen.  Noch  zu  Ende  des  Jahres  1893  verständigte
  er  England,  daß  sich  Deutschland  entschlossen