Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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bandes  durch  Eisendrahtbügel,  wodurch  ein  bequenies
Versorgen  der  Wunden  ermöglicht  wird.  Dabei  wirkt
die  absolute  Ruhigstellung  der  gebrochenen  Glieder
durch  den  Gipsverband  zur  Bekämpfung  der  Infektion
  und  der  Verhütung  ihrer  weiteren  Ausdehnung
schon  ungemein  segensreich.  In  gleicher  Weise  ist
dies  der  Gan  bei  den  Gelenken,  die  der  Gefahr  einer
Infektion,  auch  wenn  das  Gelenk  nicht  selbst  getroffen
ist,  sehr  augese  t  sind.  Denn  durch  einen  den  Knochenschaft
  in  der  Nähe  eines  Gelenkes  treffenden  Schuß
werden  Spalten  bis  in  die  Gelenkhöhle  hinein  gebildet,
von  denen  aus  die  Infektionskeime  von  der  Wunde
in  das  Gelenk  eindringen.  Derartige  Gelenkinfektionen
  und  Eiterungen  gind  durchweg  als  schwer  anusehen
  und  erfordern  strengchirurgische  Behandlung.
er  Ausgang  ist  recht  häusig  wenig  erfreulich,  da  es
meist  zu  Versteifungen  der  Gelenke  kommt,  falls  nicht
weitergehende  Operationen,  Ausschneidung  des  Gelenkes
  oder  auch  Amputationen,  notwendig  werden.
Eine  oft  recht  mühsame,  viel  Zeit  in  Anspruch  nehmende
  und  den  besten  Willen  des  Verletzten  zur  tätien
  Mithilfe  erfordernde  Behandlung  gebührt  den
Folgen  derartiger  Knochenverletzungen.  Gnfolge  der
unbedingten  Ruhelagerung  der  verletzten  Gliedmaßen
tritt  ein  oft  hochgradiger  Schwund  der  Muskeln  ein;
die  in  den  Verband  eingegipsten  Gelenke  zeigen  eine
mehr  oder  minder  große  Steifigkeit,  und  ihre  Funktionsherstellung
  ist  vielfach  äußerst  schmerzhaft,  weswegen
  die  Gelenke  von  den  Kranken  oft  über  Gebühr
und  zum  Schaden  der  Gebrauchsfähtgten  geschont
werden.  In  der  Beseitigung  dieser  Nachfolgen  hat
sich  die  Verbindung  der  modernen  Chirurgie  und
der  Orthopädie  be.  der  mechanischen  Chirurgie  mit
glänzendem  Erfolge  bewährt.  Die  in  Friedenszeiten
Pemachten  Erfahrungen,  dievielfachen  Verbesserungen
in  der  Behandlung  der  Extremitätenverletzungen
kommen  jetzt  den  Kriegsverletzten  zugute.  Die  unblutigen
  mechanischen  Behandlungsmethoden  besiehen
besonders  in  der  Anwendung  von  verschiedenen  Verbänden,
  Apparaten  und  der  sogenannten  funktionellen
Therapie.  Als  wichtige  Hilfsmittel  dieser  modernen
unblutigen  (mechanischen)  Chirurgie  dienen  die  mannigfachen
  Arten  der  Mechamotherapie  (der  logenann.
ten  Heilgymnastik),  Massage,  Bäder  und  Elektrizität.
Besondere,  mit  solchen  Apparaten  ausgestattete  Säle
sind  in  den  großen  Reservelazaretten  und  Krankenhäusern
  oder  speziellen  Zanderinstituten  —sobenannt
nach  dem  Schweden  Zander,  der  sich  um  den  Ausbau
und  die  Einführung  der  Apparate  äußerst  verdient
gemacht  hat  —  eingerichtet.  Da  jedoch  diese  passiven
Bewegungsübungen  nicht  ausreichen  würden,  müssen
sie  durch  aktives  Mitarbeiten  der  Verwundeten,  am
zweckmäßigsten  in  ihren  Berufen,  soweit  dies  angängig
ist,  unterstützt  werden,  sei  es  nun,  daß  die  Verwundeten
  zur  Gartenarbeit  oder  in  den  bei  vielen  Lazaretten
eingerichteten  Werkstätten  mit  herangezogen  werden.
Sind  infolge  der  ausgedehnten  Fertkmmerum
der  Knochen,  bei  der  jede  weitere  schonende  Behandlung
  aussichtslos  erscheint  und  zudem  die  in  der  Regel
damit  verbundene  starke  Eiterung  die  Kräfte  des  Herzens
  immer  mehr  schwächt,  Amputationen  der  Gliedmaßen
  notwendig  gewesen,  so  erfolgt  deren  Ersatz
durch  künstliche  Glieder,  in  deren  Herstellung  es  die
moderne  Technik  zu  hervorragenden  Leistungen  gebracht
  hat.  Oftmals  ist  ein  solches  künstliches  Glied
für  die  Arbeitsfähigkeit  von  weitaus  größerem  Wert
als  das  erhalten  gebliebene,  aber  verkrüppelte  und  dadurch
  unbrauchbare  natürliche.

III.  Technik  und  Kriegführung

Bei  den  Verletzungen  der  Nerven  und  Gefäße  hat
die  im  Frieden  bereits  ausgebildetechirurgische  Technik
der  Naht  dieser  Gebilde  nun  ebenfalls  reiche  Früchte
getragen.  Das  ist  von  besonderer  Wichtigkeit,  da  nach

urchschüssen  der  Nerven  die  von  diesen  versorgten
Teile  gelähmt  sind,  weil  die  Nervenleitung  zu  ihnen
unterbrochenist.  Durch  Wiedervereinigung  der  Nervenstümpfe
  mittels  der  Naht  und  durch  eine,  allerdings
viel  Geduld  erfordernde,  elektrische  Nachbehandlung
können  diese  Lähmungen  mitunter  gänzlich  behoben
werden.  Die  gleiche  Wichtigkeit  kommt  auch  der  Gefäßnaht
  zu,  wenn  man  bedenkt.  daß  durch  das  Aufhören
der  Blutzufuhr,  wie  es  die  einfache  Unterbindung  der
Gefäße  zur  Folge  hat,  die  abhängigen  Teile  der  Ernährung
  beraubt  und  dadurch  brandig  werden  können.

Fis.  4—17.  Dumdumgeschofse.

Verwundungen,  die  zum  ersten  Male  in  diesem
Kriege  beobachtet  wurden,  sind  durch  die  Fliegerpfeile
  (Tafel  II,  Fig.  8)  bedingt.  Beim  Herabfallen
aus  großer  Höhe  haben  sie  eine  enorme  Durchschlagskraft
  und  (in  allerdings  nur  wenig  zahlreichen  Fällen)
recht  schwere  Verletzungen  hervorgerufen.

Besonders  grauenhafte  Verwundungenverursachen
die  von  den  Engländern  in  Gebrauch  genommenen
Dumdungeschosse  (Textfig.  4—17),  deren  Anwendung
  im  Kriege  jeder  Völkerrechtsregel  ins  Gesicht
  schlägt.  Durch  beim  Auftreffen  explosionsartige
Wirkung  des  Geschosses,  das  auf  die  mannigfachste
Art  seines  harten  Mantels  beraubt  ist  und  dadurch  den
weichen  Bleikern  zum  Herausschleudern  bringt,  werden
  die  zum  Teil  entsetzlichen  Zerreißungen  (Tafel  II.
Fig.  9)  im  Körper  verursacht.  Die  Franzosen  sind  in
dieser  Hinsicht  die  geichrigen  Schüler  ihrer  ahumanen:
Verbündeten,  und  auch  in  der  russischen  Armee  sind
Hohlgeschosse  aus  Blei  ohne  Mantel  im  Gebrauch,
die  den  Dumdumverletzungen  ähnliche  Wunden  verursachen.
  Es  können  jedoch  auch  Vollmantelgeschosse,
wenn  sie  aus  der  Nähe  oder  als  Querschläger  oder
Mantelreißer  auftreffen,  Verwundungen  hervorrufen,
wie  sie  die  Dumdunnggeschosse  erzeugen.  Die  Feststellung,
  wesche  Art  von  Geschossen  verwendet  worden
ist,  lediglich  nach  dem  Aussehen  der  Wunde,  hat  also
stets  mit  Vorsicht  zu  geschehen.