Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

132

den  Vereinigten  Staaten  eintretende  Transporikrise.
Die  auf  dem  Gebiete  der  Schiffsraumbeschaffung  vorliegenden
  Schwierigkeiten,  die  durch  die  Notwendigkeit
  vermehrter  Heerestransporte  von  den  Vereinigten
Staaten  nach  Europa  erheblich  gesteigert  wurden,
fanden  ihren  äußeren  Ausdruck  in  der  gewaltsamen
Beschlagnahme  des  im  feindlichen  Zugriffsbereich  befindlichen
  beträchtlichen  Teiles  der  holländischen  Handelsflotte
  durch  unsere  Gegner  am  18.  März  1918.
Sie  haben  sich  zu  dieser  Maßnahme,  die  in  Holland
tiefe  Erbitterung  und  starke  Erregung  auslöste,  ebenso
wie  zu  der  in  den  folgenden  Monaten  durchgeführten
Erpressung  in  ihrer  Gewalt  befindlichen  Schiffsraumes
  anderer  Neutraler  bestimmt  nur  unter  dem
Zwange  der  Not  entschlossen.  Während  sich  die  monatlichen
  Versenkungsziffern  fast  bis  zum  Sommer
1918  auf  ungefähr  gleicher  Höhe  hielten,  setzte  um
diese  Zeit  ein  allmähliches  langsames  Sinken  ein.
Ursache  waren  die  sich  sehr  stark  entwickelnde  Gegenwirkung“
  Minen-  u.  Netzsperren,  Flugzeuge,  U-Boots.
fallen),  die  durch  die  Sommermonate  begünstigt  wurde,
und  eine  Verminderung  der  Minenwirkung,  die  man
durch  ein  am  Schiffe  angebrachtes  Minenschutzgerät
erreichte.  Die  Lösung  der  amerikanischen  Transportkrise,
  Verbesserungen  der  Seeverkehrs-Organisationen
und  Tieferladen  der  Schiffe  bis  über  die  Sicherheitsgrenze,
  sollen  später  die  durch  das  Geleitzugwesen  hervorgerusene
  Rusnutßzungsverschlechterung  nicht  nur
ausgeglichen,  sondern  auch  noch  weitere  Räumteersparnis
  gebracht  haben.

Um  dem  im  Laufe  des  Krieges  fertiggestellten  U#
Kreuzer  mit  seiner  erheblich  größeren  Dampfstrecke
außerhalb  des  Bereichs  der  wachsenden  Gegenwirkung
ein  ertragreiches  Tätigkeitsgebiet  zuschaffen,  wurdedas
Sperrgebiet  durch  Vergrößerungen  und  neue  Teile
um  die  als  feindlicher  Stützpunkt  ausgeb  zuten  Azoren
(22.Nov.  1917)  und  um  Madeira  und  Dakar  (5.  Jan.
1918)  erweitert.  Von  der  großen  Erfolg  versprechenden
  Eröffnung  des  U--Bootkrieges  auch  an  der  amerikanischen
  Ostlüste  wurde  aus  politischen  Rücksichten
Abstand  genommen.

Die  Verluste  an  U.  Booten  waren  zunächst  hinter
den  Erwartungen  zurückgeblieben,  hatten  sich  dann
langsam  gesteigert  und  waren  vom  Frühjahr  1918
ab  nicht  unerheblich.  Der  U--Bootbau  hing  in  erster
Linie  von  der  Beschaffung  einer  genügenden  Anzahl
geschulter  Arbeiter  ab,  zu  deren  Gestellung  das  Heer
nicht  in  der  Lage  war.  So  verlangte  die  Durchführung
  des  von  der  deutschen  Seekriegsleitung  im
Spätsommer  1918  in  Aussicht  genommenen  stark  erweiterten
  U-Bootbauplanes  die  Entlassung  von  über
100000  Mann  aus  dem  Heeresdienste.  Als  man  sich  zu
dieser  Maßnahme  entschloß,  die  von  Beginn  des  Jahres
  1919  ab  eine  erhebliche  Steigerung  des  U.  Bootbaues
  bis  zum  Dreifachen  der  bisherigen  Leistungen
zur  Folge  gehabt  hätte,  trat  der  entscheidende,  uns  ungünstige
  Umschwung  an  der  Westfront  ein.

Die  Rechtmäßigkeit  des  uneingeschränkten  U.
Bootkrieges  wird  vielfach  bestritten.  Seine  Rechtfertigung
  liegt  sowohl  in  seiner  Wesenseigentümlichkeit
wie  in  der  Entwicklung,  die  zu  seiner  Annahme  führte.
Während  England  von  Beginn  des  Krieses  an  durch
Erweiterung  des  Bannwarerechtes  ins  Ungemessene
und  schließlich  durch  die  Kriegsgebietserklärung  vom
4.  Nov.  1914  die  Bestimmungen  der  Londoner  Seerechtsdeklaration,
  die  von  ihm  zunächst  als  grundsätzlich
  bindend  anerkannt  worden  war,  illuforisch  gemacht
  und  dadurch  den  Zustand  einer  Blockade  der

I.  Kriegsgeschichte

Mittelmächte  geschaffen  hatte,  ohne  daß  eine  solche
rechtmäßig  bestand,  hielten  sich  Deutschland  und  seine
Verbündeten  fünf  Monate  hindurch  streng  an  die
Abmachungen  der  Deklaration.  Als  es,  um  den  unbedingt
  erforderlichen  Ausgleich  in  der  wirtschaftlichen
Versorgungslage  zu  schaffen,  eine  der  englischen  inhaltsgleiche
  Kriegsgebietserklärung  für  die  Gewässer
um  England  erlies  und  in  diesem  Kriegsgebiet  den
U--Bootkrieg  eingeschränkt  führte,  trat  England  mit
der  sog.  Blockadeerklärung  vom  11.  März  1915  hervor,
  nach  der  jedes  mit  Deutschland  verkehrende  Schiff
und  jede  Ware  deutschen  Ursprungs  oder  deutscher
Bestimmung,  selbst  wenn  sie  neutrales  Eigentum  war,
auch  auf  neutralen  Schiffen  weggenommen  werden
konnte.  Da  der  Begriff  der  Blockade  auf  diese  rechtswidrige
  Maßnahmen  nicht  anzuwenden  war  —  wäre
sie  doch  bei  der  Freiheit  der  deutschen  Zufuhren  in
der  Ostsee  nicht  einmal  rechtswirksam  gewesen  —,  so
wurde  sie  als  Repressalie  gegen  den  deutschen  U-Bootkrieg
  im  Kriegsgebiet  bezeichnet.  Nachdem  Deutschland
  den  U.  Bootkrieg  im  Kriegsgebiet  mit  dem  24.  April
1916  aufgegeben  und  dies  der  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  bekannt  gegeben  hatte,  wäre  England
verpflichtet  gewesen,  die  Repressalie  aufzuheben,  wenn
es  gerecht  verfal,  cen  wollte.  Dies  geschah  indessen
nicht.  Im  Gegenteil  führten  England  und  seine  Verbündeten
  ihrerseits  den  uneingeschränkten  U-Bootkrieg
im  Adriatischen  Meer  und  in  der  Ostsee  weiter.  Die
Vereinigten  Staaten  unternahmen  trotz  ihrer  feierlichen
  Proteste  gegen  das  englische  Vorgehen  und  trotz
ihrer  Erklärung,  daß  es  eine  „  unneutrale-Handlung
bedeuten  würde,  wenn  man  dieses  Verfahren  Englands
dulden  wolle,  keinerlei  Schritte  zur  Aufhebung  der
englischen  Seesperre.  Somithandeltedie  deutsche
Regierung  in  gutem  Recht,  als  sieam  31.  Jan.
1917  unter  dem  Zwange  der  allgemeinen
Kriegslage  den  uneingeschränkten  U.  Bootkrieg
  erklärte.

Wesentlich  für  den  Entschluß  zur  Aufnahme  des
uneingeschränkten  U.  Boothandelskrieges  war  die
Beurteilung  der  Möglichkeit  eines  enischeidenden
  militärischen  Eingreifens  der  Vereinigten
  Staaten  an  der  Westfront.  Es  gab
zwei  verschiedene  Methoden  der  Verwendung  des  U-Boots,
  umdie  amerikanischen  Truppen-  und  Materialtransporte
  möglichst  einzuschränken:  Entweder  man
setzte  die  U-Boote  auf  die  Transporte  selbst  an,  oder
man  führte  den  Krieg  gegen  den  Frachtraum  im
allgemeinen,  d.  h.  gegen  den  Gesamtseeverkehr,  nach
Kräften  weiter  und  versuchte  die  Möglichkeiten  der
Truppen=  und  Materialbeförderung  über  den  Ozean
durch  Schiffsraummangel  einzuschränken.  Die  erste
Methode  gewährte  nicht  die  Sicherheit,  daß  man  genügend
  Transporte  faßte,  denn  es  ist  ohne  weiteres
einleuchtend,  daß  es  ausgeschlossen  war,  den  rund
1400  Seemeilen  breiten  Streifen  von  der  Nordspitze
Englands  bis  Gibraltar,  auf  dem  sich  die  amerikanischen
  Transporte  den  europäischen  Küsten  nähern
konnten,  mit  U-Booten  wirksam  zu  überwachen.  Beschränkte
  man  sich  darauf,  Teilstrecken  des  in  Frage
kommenden  Seegebiets  mit  U.  Booten  zu  besetzen,  —
war  man  nicht  sicher,  stets  die  von  Transporten  gerade
  befahrenen  Wege  zu  treffen.  Traf  man  sie,  so
war  es  dem  Gegner  ein  leichtes,  wenn  ihm  das  Auftreten
  von  U-Booten  in  einer  bestimmten  Gegend
gemeldet  wurde,  die  Transporte  mit  Hilfe  funkentele-Kophssch
  Übermittelter  Befehle  umzuleiten  und  die

usschiffungen  an  einem  anderen  Küstenplatz  vorzu-