Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Reiniger:  Der  Luftkrieg

Flugzeugen  haben  sich  besonders  die  zu  Kriegsbeginn
noch  im  Versuchsstadium  befindlichen  Caproni-Apparate
  später  bewährt,  durchweg  Großflugzeuge
für  Kampf  und  Bombenwurf.  Der  erste  kriehsbhüunchbare
  Typ  war  ein  Doppeldecker  von  23  m  Spannweite
  mit  drei  Guôme-Motoren  von  je  100  P.  S.,  von
denen  der  mittlere  eine  Druckschraube,  die  beiden  seitlichen
  Zugschrauben  antrieben.  Die  Seitenmotoren
waren  in  durchlaufenden,  den  Steuerschwanz  tragenden
  Rümpfen  angeordnet,  der  Mittelmotor  in  einer
kurzen,  nur  nach  vorn  weitausladenden  Führergondel
mit  an  der  Spitze  eingebautem  Maschinengewehr.
Dieser  Doppeldeckertyp  wurde  in  seinen  Einzelheiten
dann  weiter  vervollkommnet  und  in  großer  Zahl  erbaut,
  die  Maschinenleistung  wurde  auf  200  F.  S.  für
jeden  Motor  erhöht.  Später  entstand  ein  Dreidecker
mit  gleicher  Rumpf=  und  Motorenahorbnung.  bei
dem  jeder  Motor  eine  Leistung  von  300  P.  S.  besaß.
An  sonsugen  Landflugzeugen  sind  noch  die  Kampfdoppeldecker
  Pomilio,  S.  I.  A.  (Societa  Italiana  Aviazione)
  und  S.  V.  A.  (Secieta  Verduccio  Ansaldo)
u  erwähnen,  die  sich  stark  an  deutsche  und  englische
orbilder  anlehnen.  S.  V.  A.  hat  das  gleiche  Fuagzeug
  auch  als  Wasserflugzeug  mit  Schwimmern  herausgebracht;
  es  wurde,  cbenso.  wie  die  Flugboote  der
Bauart  Savoia  und  Machhi,  in  einigen  Exemplaren
in  der  Marine  verwendet,  die  sich  im  übrigen  französischer,
  englischer  und  amerikanischer  Wasserflugzeuge
  bediente.

[Rußlanvd.)  Dieses  hat  von  den  Großmächten  der
Entente  im  Kriegsflugwesen  am  wenigsten  geleistet.  Bei
der  Heeresluftflotte  wurden  größtenteils  französische
Flugzeuge,  bei  der  Marine  englische  und  amerikanische
sowie  Donnet  Levêéque=  u.  F.B.  A.-Flugboote  benutzt.
An  Eigenkonstruktionen  sind  nur  die  Sikorsky-Riesenflugzeuge
  zu  nennen,  die  schon  vor  dem
Kriege  versucht,  dann  weiter  ausgebaut  wurden,  durchweg
  Doppeldecker,  von  denen  der  Typ  Le  Grand  37m
Spannmweite  und  25  m  Rumpflänge  besaß.  Wegen  der
Schwerfälligkeit  dieser  Maschine  ging  man  später  mit
den  Abmessungen  wieder  etwas  zurück.  Der  Antrieb
erfolgt  durch  vier  nebeneinander  angeordnete  Motoren
  mit  Zugschrauben,  und  zwar  zunächst  100  P.  S.
Argus-,  dann  150  P.S.-Gnöme-  und  später  200  P.  S.=Salmson-Motoren.
  Der  Rumpf  bildete  eine  völlig
geschlossene  Kabine  mit  drei  hintereinander  liegenden
Räumen.  Die  Bewaffnung  bestand  aus  Maschinengewehren
  und  Schnellfeuergeschützen.  Infolge  schlechter
  Massenkonzentration  wenig  wendig,  waren  sie  den
leichteren  deutschen  Apparaten  weitaus  unterlegen.
Von  dem  noch  größeren  Riesendoppeldecker  von  Hackel
mit  drei  Rümpfen,  42  m  Spannweite  und  900  P.  S.=Motoren
  hat  man  keine  Leistungen  gehört.

LAmerika.]  In  den  Vereinigten  Staaten  stand  zu
Kriegsbeginn  zwar  der  Wasselplugzeugbau  schon  in
hoher  Blüte,  der  Landflugzeugbau  steckte  dagegen
völlig  in  den  Kinderschuhen.  Als  aber  die  ersten
Kriegsmonate  einen  gewaltigen  Verbrauch  an  Flugzeugen
  zeigten,  entstand  eine  große  Zahl  neuer  amerikanischer
  Flugzeugfabriken,  und  bald  gingen  große
Massen  fertiger  Flugzeuge,  meist  Kopien  der  bewährten
  europäischen,  vor  allem  deutschen  Bauarten,  nach
Frankreich  und  England.  Der  größte  Teil  dieser  in
größter  Eile,  mit  mangelnder  Erfahrung  und  echt
amerikanischer  technischer  Leichtfertigkeit  ausgeführten
Maschinen  war  kriegsunbrauchbar.  Besonders  fehlte
lange  ein  brauchbarer  Flugmotor.  Die  besten  Landfluggeuge
  wurden  noch  von  den  erprobten  Wasser-159



flugzeugfirmen  geliefert,  insbes.  den  Curtiß-Werken
in  Buffalo  und  Dammondsport,  danach  auch  den
Wright-Martin-,  Thomas=  und  Burgeß-Werken.  Bevorzugt
  wurde  zunächst  der  Bauleichter  Aufklärungs.
doppeldecker  mit  Rumpf.  Als  gute  Curtißsche  Eigenkonstruktion
  bemerkenswert  ist  ein  völlig  verspannungsloser
  Doppeldecker  (richtiger  1/-Decker)  mit
wesentlich  kleinerer  unterer  Tragfläche,  bei  der  die
Tragzelle  nur  durch  eine  einzige  Strebe  von  windschnittigem
  Profil  beiderseits  abgestützt  ist,  von  deren
Fußpunkt  sich  eine  weitere  schräge  Strebe  zum  Ende
der  Fahrgestellachse  hinzieht.  Der  Dreidecker  (s.  Taf.  II,
Fig.  8)  zeigt  ebenfalls  nur  eine  einige  Strebe  auf
jeder  Tragzellenseite,  außerdeim  ein  leichtes  Spannkabelkreuz.
  Der  Motor  ist  bei  beiden  Typen  in  den
fast  völlig  geschlossenen  Rumpf  eingebaut.  Mit  nur
100  P.  S.-Motor  sollen  beide  Flugzeuge  eine  Geschwindigkeit
  von  fast  200  km  'St.  erreicht  haben.  Auch
einen  größeren,  nach  denselben  Prinzipien  gebauten
Dreidecker  mit  zwei  gleichgroßen  oberen  und  einer
kürzeren  unteren  Tragfläche  hat  Curtiß  serienweise
eliefert.  Die  in  großer  Zahl  an  der  Westfront  erchienenen
  Erkundungs-Doppeldecker  Wright-Martin,
Thomas-Morse,  Aeromarine,  Mayo,  Srortevant
Lawson,  Wittemann  und  Lewis,  Lanzius  Aircraft  u.  a.
sind  Rumpfdoppeldecker  normaler  Bauart.  Bei  Kampfflugzeugen
  ingen  einige  Konstrukteure  zur  Erzielung
freien  Schußfel  es  eigene  Wege.  Beim  Sturtevant-Doppeldecker
  wurde  je  ein  verkleideter  Maschinenewehrstand

  auf  der  unteren  Tragfläche  angeordnet.
Liee  weit  nach  außen  verlegten  Massen  ergaben  jedoch
  für  Steuerfähigkeit  und  Stabilität  schwere  Nachteile,
  so  daß  diese  Bauart  bald  verlassen  wurde.  Beim
Gallaudet-Doppeldecker  wurden,  um  trotz  durchgehen.
den  Rumpfes  die  Anordnung  einer  zentralen  Druckschraube
  und  Einbau  des  Maschinengewehrs  an  der
Gondelspitze  zu  ermöglichen,  die  Propellerflügel  (vier)
an  einem,  den  pindekformigen  Rumpf  umgreifenden.
von  innen  angetriebenen  Ring  befestigt.  Im  letzten
Kriegsjahre  wurden  hauptsächlich  Kampfflugzeuge  der
englischen  Bauarten  Bristol  und  De  Havilland  mit
amerikanischem  Freiheitsmotor=  geliefert.  —  Von
Wasserflugzeugen  brachte  Curtiß  mehrere  neue  Flugboottypen
  heraus,  die  in  größerer  Zahl  geliefert  wurden,
  u.  a.  ein  Dreidecker  (s.  Taf.  II,  Fig.  4).  Daneben
  behaupteten  sich  erfolgreich  die  Wasserflugzeuge
der  Wright-Martin-,  Thomas--,  Burgeß-,  Sturtevant.,
Gallaudet-Werke  u.  a.—  Auch  an  Luftmotoren  wurde
später  eine  Anzahl  guter  Typen  geschaffen,  wie  die
Standmotoren  Curtiß,  Thomas,  Sturkevant,  Düsenberg,
  Wells  Adams,  Maxi,  Roberts,  Aßmussen,
Harriman,  van  Blerk,  Hall  Scott,  sowie  die  Umlaufmotoren
  Gyro-Duplex,  Trebert  und  Macomber.  Der
Mitte  1917  herausgebrachte  Freiheitsmotor,  der
alles  bisher  Dagewesene  weit  übertreffen  sollte,  erwies
  sich  nur  unter  günstigen  Bedingungen  als  brauchbar
  und  keineswegs  den  bewährten  deutschen  und
französischen  Motoren  überlegen.

IDeutschland.]  Gegenüber  den  gewaltigen  Luftkampfmitteln
  der  Entente  waren  die  Mittelmächte
fast  allein  auf  die  deutsche  Flugzeugindustrie  angewiesen,
  die  allerdings  in  hoher  Blüte  stand.  An  erstllassigen
  Flugzeugsirmen  waren  damals  vorhanden:
Ago-Flugzeugwerke,  Bin.-Johannisthal  (Typbezeichnung
  Ago);  Albatros-Werke,  ebendort  (Albatros):
Allg.  Elektr.-Gesellschaft,  Berlin  (A.  E.  G.);  Automobil-
  und  Aviatik  A.-G.  Mühlhausen  Aviatik.: