Full text: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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Schwemmsand durchstoßen und abgetäuft ist, bohrt 
sich der Engländer, der nur wenige Meter Diluvial- 
schicht zu überwinden hat, bereits in den fetten Dpern- 
ton. Trotzdem gelingt es, den Gegner an mehreren 
Punkten, so am Alfweg und bei Hollandsche Schuur, 
im Sommer 1915 zurückzuquetschen; aber hartnäckig 
setzt der Engländer während des Winters die heim- 
liche Arbeit fort. Oben im Norden bohrt er sich unter 
die Eisenbahnhöhen, seitwärts des Kanals werden 
flache Stollen vorgetrieben. bald ist die Höhe von 
St. Eloi unterhöhlt, zwischen Maedelstede und Back- 
hof unterfährt er mit einer Reihe von Schächten die 
Stirn des Keils. Im März 1916 läßt er die Mine 
von St. Eloi aus 25 m Tiefe springen. Vorberei- 
tungen über Tage lassen erkennen, daß er im Hoch- 
sommer zum Angriff schreiten will, da lenkt die Er- 
oberung der Doppelhöhe 60 und der Hooge-Höhe ihn 
nach Norden ab. Ununterbrochen indessen gewinnt 
er an Tiefe, und im Herbstl zwingt die erkannte unter- 
irdische Umfassung des Wytschaetebogens die deutschen 
Pioniere zur höchsten Anstrengung. Den Vorsprung 
eines Jahres, während unsere Mineure auf den Lo- 
retto- und Vimy-Flügeln, in Argonnen, Vogesen und 
Karpathen dringender am Werk gewesen waren, gilt 
es einzuholen, die Feindseligkeit des Bodens muß 
überwunden werden. Es gelingt, die flachen Stollen 
am Kanal und am Douvebach abzuquetschen. Mit 
versenkten Eisenbetonschächten wird man des 
Schwemmsandes Herr und sprengt in Tiefen von 
40 m beim Fransecky-Hof, an der Spanbroek-Mühle 
und beim Noel-Hof den Feind zurück. Auf der Höhe 
von St. Eloi, bei Maedelstede und am Backhof, wo 
der Gegner in 50 — 60 m Tiefe unterfahren hat, 
lückt es nur, ihn vom zweiten Graben abzudrücken. 
ln den gefährdetsten Punkten, wie bei Hollandsche 
Schuur, wird die Stellung zurückgenommen und der 
Feind durch Gewaltsprengungen abgeriegelt. 
II. 
Im Frühjahr 1917 glaubt der Engländer die un- 
terirdische Umfassung vollendet. Inzwischen hat er, 
mit unerhörtem Aufwand die technische Rüstung der 
Sommeschlacht weit überbietend, seine Vorbereitun= 
gen über der Erde betrieben. Lager, Stellungen und 
Unterstandsgruppen wachsen sich aus zu einer förm- 
lichen Wabensladt, ein Spinnwebnetz breit-und schmal- 
spuriger Bahnen, so dicht und verzweigt, wie Straßen- 
bahnen einer Großstadt, rollt unablässig Munition, 
Material und Nahrungsmittel zu Stapelplätzen und 
Truppe. Der Monat Mai wirft Zerstörung über das 
fruchtbare, eben zur Blüte ansetzende Land. Eine 
Kette von 30,5 cm Batterien spannt sich um den 
Wytschaetebogen. Mit ihren beiden Augen, dem 
Kemmelberg und dem Rossignol, das Gelände weit 
Üüberblickend. hämmert die enhlische Artillerie auf den 
deutschen Gräben und Werken. Tief im deutschen 
Hintergelände werden Gefechtsstände und Knoten- 
punkte durch Fernkampfgruppen bekämpft, kein Bau 
über der Erde, der nicht Ziel eines Geschützes würde. 
Schwere Minenwerfer verwandeln die vorderen Grä- 
ben in Trichterstreisen. Auch das Wasser, auf das der 
deutsche Spaten in Metertiefe stößt, das uns gezwun- 
gen hat, überirdische Betonklötze aufzurichten, kommt 
dem Engländer zu Hilfe. 
Währenddessen leisten die deutschen Truppen über- 
menschliches an Widerstandskraft. Vornehmlich Ost- 
preußen und Sachsen, die Verteidiger von Wytschaele 
und Messines, dulden das Schwerste und werden auf 
I. Kriegsgeschichte 
den dem Feind zugekehrten Hängen von Schacht zu 
Schacht, von Trichter zu Trichter getrieben. Die bei- 
den Dörfer, vormals mächtige Bollwerke, sind buch- 
stäblich dem Erdboden gleichgemacht. Die deutschen 
Batterien, in den Keil vorgezogen und dem Gelände 
angezwungen, sich zu Nestern versammelnd, bieten 
dem wFeind breites Ziel und werfen dennoch unermüd- 
lich Hemmung und Vernichtung in die Linie des An- 
greifers. Wohl hat die deutsche Führung die vorderste 
Linie, der unterirdischen Gefahr ausweichend, gelich- 
tet oder entblößt, dennoch finden australische und ka- 
nadische Kompanien grimmigen Widerstand und mel- 
den verwunderten Befehlshabern, daß die Deutschen 
immer noch nicht sturmreif sind. Was sie nicht mel- 
den können, ist, daß hier und dort im Gelände ver- 
sieckt abgespaltene Maschinengewehre und versenkte 
#bwehrgeschütze heil auf den Angriff lauern. 
Der 27. Mai leitet den allgemeinen zehn Tage lan- 
en, mit bis dahin unerhörter Stärke anhaltenden 
irtilleriekampf und damit die Schlacht ein. Geschos- 
senes und geblasenes Gas vergiftet die Nächte. Er- 
kundungstrupps von wachsender Stärke bis zum Ba- 
taillonsverband stoßen an verschiedenen Punkten vor; 
sie werden zurückgeworfen. Lange geschonte Divi- 
sionen schiebt der Engländer in den Ring, allmählich 
wächst die Angrisfsarmee auf 60 —70000 Mann, 
5 Mann auf den Meter Boden, 11 Div. stehen gegen 
5 deutsche. Die ersten Junitage bündeln das Artillerie- 
feuer zu kurzen Trommelschlägen, bestimmt, Angriffe 
vorzutäuschen und den Verteidiger herauszulocken. 
Doch erst die unheimlich stille Nacht vom 6. auf den 
7. Juni bringt den Morgen des Angriffs. 
Am 7. Juni Punkt 4 Uhr früh verkünden dumpfe 
Erschütkerungen bis 25 km landeinwärts den Be- 
ginn der Schlacht. Eine grüne Leuchtkugel gab 
das Zeichen, und an neunhchn Punkten des Wyt- 
schaetebogens zerreißen Zehntausende von Zentnern 
Dynamit den Erdboden, schleudern haushohe Wogen 
von Rauch,. Flammen und mächtigen Brocken in die 
Luft. Spälere Photographien lassen 120 m breite, 
aus 60 m Tiefe aufgewühlte Krater erkennen. Plötz- 
liches fieberhaftes Trommelfeuer stürzt sich kurze Mi. 
nuten lang auf das ganze Schlachtfeld, schiebt sich, 
die vorderen Gräben freigebend, hundert um hundert 
Meter vor, und von dichten, künstlich gewälzten Rauch- 
schwaden verhüllt, tritt der Engländer auf ganzer 
Front von Zillebeke bis St. Dvon zum Sturm an. 
Die Wirkung dieser gewaltigsten Sprengung des 
Krieges ist überschätzt worden. Infolge der helden- 
mütigen Anstrengung unserer Pioniere teils vor un- 
sere Linie gedrängt, teils an den vordersten Graben 
gefesselt, an manchen Stellen ganz, an andern zum 
Teil abgequetscht und unschädlich gemacht, haben die 
Explosionen unter der dünnen Besatzung wenig Opfer 
gefunden, stark aber, wie jedes elementare Ereignis, 
war die seelische Wirkung auf unsere aus dem Schlaf 
gerissenen Truppen. Die begleitenden Tageserschei- 
nungen, der weitgetriebene Luftdruck und die ausge- 
strahlten Hitzewellen verbreiten Verwirrung. Auch die 
rückwärtigen Besatzungen wissen von dem betäubenden 
Eindruck zu berichten. Daß trotzdem der Engländer 
stundenlang um den Besitz der benachbarten Höhen 
ringen mußte, zeugt von erhabener Mannhaftigleit 
unserer Leute. in 
Eine Stunde nach der Sprengung sind die vorde- 
ren Stellungen im Besitz des Feindes; zwischen 6 
und 7 Uhr erscheint er auf der Höhe. Wie ein Schritt-