Full text: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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der französischen Sprache als des vornehmsten Bil- 
dungsmittels in allen Kreisen des elsässischen Vol- 
kes von unten bis oben volle Übereinstimmung. 
Die Losung der Einführung des französischen Unter- 
richts in die Volksschule war durchaus volkstümlich. 
Bei dieser Wertschätzung, der sich die französische 
Sprache im Lande erfreute, war man natürlich in den 
oberen Ständen sehr dafür interessiert, daß möglichst 
viele Kanäle nach Frankreich zu offengehalten würden, 
auf denen das Gegenwärtige, Lebendige von franzö- 
sischer Literatur, Kunst, Aoiu, nationaler Kultur 
in das Land einströmen konnte, und dieses Bedürf- 
nis traf mit dem starken Ausdehnungstrieb und Gel- 
tungswillen französischer Zivilisation des gegenwär- 
tigen Frankreichs zusammen, so daß sich aus diesem 
Zusammentreffen beider Strebungen von innen und 
von außzen eine äußerst rrfolgreiche französische 
Kulturpropagando ergab, die in den mannizfal- 
tigsten Formen und Veranstaltungen auf dem Wege 
der Presse, des Vereinswesens, des Theaters usw. zur 
Erscheinung kam. Maurice Barres hat dieser rühri- 
en, im Elsee naturgemüß einen fruchtbaren Boden 
denden Propagandatätigkeit mit seinem glänzenden 
Namen besonderen Nachdruck und Erfolg verliehen. 
In dem Kreis, der sich um die Revue alsacienne in 
Straßburg herum bildete, fand diese Bewegung ihre 
treibende Kraft und ihren belebenden Mittelpunkt. 
Je mehr aber diese französische Kultur= und Sprachen- 
bestrebungen sich durchsetzten, desto mehr wurde man 
sich auch bewußt, daß man in einer im Widerspruch 
mit*dieser französischen Kulturbewegung stehenden Um- 
welt stand. So wurde das natunhaft Deutsch-Elsäs- 
sische, das Deutschtum der Altdeutschen, der in der deut- 
schen Wissenschaft, in deutschem Schrifttum, deutscher 
Kunst unddeutschem öffentlichen Leben sichkundgebende 
Deutschwille mehr und mehr als etwas Fremdes, 
Störendes, Hemmendes, ja Feindliches empfunden; 
man fühlte sich mit dem französischen Herzen in dem 
deutschen Elsaß nicht mehr zu Hause. Die meisten dieser 
nach Frankreich neigenden, im Bannkreis der franzö- 
sischen Ideen lebenden Elsässer entschlossen sich unter 
diesen Umständen zu einem mehr oder minder schwäch- 
lichen Kompromiß, und so kam das zwiespältige, zwit- 
terhafte, geteilte Wesen des heutigen Elsässers, der 
zwischen französischen und deutschen Stimmungen un- 
entschieden hin und her schwankt, heraus. Was im 
Elsässertum nach Einheit, nach klarer und entschlede- 
ner Ausgeglichenheit strebte, konnte bei solchem Kom- 
promiß nicht stehenbleiben und schlug sich entschlossen 
anz auf die französische oder ganz auf die deutsche 
Seite; es bildete sich ein ausgesprochenes Nurfran- 
zosen= und ein scharf ausgeprägtes Deutsch-Elsässer- 
tum; freilich lag das Nurfranzosentum mehr als 
das Nurdeutschtum in der Richtung der ganzen her- 
kömmlich französierenden Strebung. Diese entschiede- 
nen Deutsch-Elsässer bildeten unter den Einheimischen 
doch nur eine Minderheit, die unter dem Einflusse 
des Kriegsereignisses allerdings, wie anzunehmen ist, 
Verstärkung erfahren hat. 
Danach darf man im elfässischen Volk, abgesehen 
von dieser Auswahl von deutschgesinnten Elsässern, 
nicht ein eigentlich nationaldeutsches Empfinden fu- 
chen; es war vor dem Krieg nicht in der breiten un- 
teren, nicht in der mittleren und oberen Schicht und ist 
auch im Krieg nicht entstanden. Das ist indes nichts 
Auffallendes. Das nationale Fühlen ist auch sonst in 
Deutschland nicht ohne weiteres ein selbstverständlicher 
Besitz der Gesamtheit. Aber von einem einflußreichen, 
I. Politik und Geschichte 
das Ganze bestimmenden Kern aus wirken hier die 
nationalen Strahlungen auch auf die Masse. Diese 
Schichten, die sonst in Deutschland das Vaterländische 
in besonderer Verwahrung und Pflege haben, ent- 
behren im Elsaß durchaus des Organs für das Na- 
tionale, werden am allerwenigsten durch vaterländisch- 
deutsches Empfinden bestimmt. Das ist begreiflich, wenn 
man erwägt, daß das bewußt nationale Leben im 
wesentlichen ein Erzeugnis der geet nach der franzö- 
sischen Revolution ia. und in dieser für das Entstehen 
des Nationalbewußtseins so wichtigen Epoche, da das 
gebildete Deutschland in größerem Uulfange von dem 
nationalen Geist ergriffen wurde, war das Elfaß auf 
der anderen Seite und geriet da auch ganzin den Bann- 
kreis des neufranzösischen Nationalbewußtseins. Um 
so leichter ließ sich das elsässische Bürgertum von die- 
gen französischen Nationalgeist ergreifen, als dessen 
räger in der Hauptsache von dem bürgerlich-liberalen 
Volkselement gestellt wurden. Das Zusammenwach- 
sen des elsässischen Bürgertums mit Bedürfnissen und 
Interessen der französischen Bourgeoisie hat dann vor 
allem den nationalfranzösischen Geist in das deutsche 
Elsaß einströmen lassen. Unter der Nachwirkung die- 
ses Prozesses stehen wir heute noch; das Bürgertum 
des Elsaß, das die nationale Neugeburt des 19. Jahr- 
hunderts als Glied des französischen Nationalstaates 
erlebte, hat in seiner Mehrheit in diesen 40 Jahren 
die Richtung auf das Nationaldeutsche noch nicht 
efunden, nite finden können. Vielmehr hat in die- 
er Zeit sich gerade ein Wesenszug im Elsässertum 
herausgebildet, der einer Verschmelzung mit dem deut- 
schen Volkstum und Reich wieder hindernd im Wege 
tehen mußte; in der deutschen Periode hat das els l 
ische Selbstbewußtsein ein starkes elsässisches 
Stammesgefühl zur Entwicklung gebracht. 
Elsässischer sortilniarsuge Die Vorbedingun- 
en zu diesem Partikularismus waren ja auch 
in der französischen Zeit gegeben. Man unterschied 
sich immer gern von den Welschen; aber das ein- 
heitliche, geschlossene, ausgeglichene Franzosentum 
und der straff organisierte französische Zentralstaat 
konnten solche Anlagen und Stimmungen nicht för- 
dern. Anders war es, als der Elsässer mit dem viel- 
säuigen partikularistisch gestimmten, individuali- 
ierten Deutschtum und Staatenwesen zusammenkam, 
da mußten alle jene partikularistisch elsöfüchen Son- 
dergefühle herausgefordert werden. Dazu ergoß sich 
ein für ein so kleines Land schier zu großer Ein- 
wandererstrom in das Elsaß; er hatte zunächst vor 
allem zur Folge, daß die Einheimischen vor dem frem- 
den Zustrom sich mehr auf sich selbst zurückzogen und 
sich mehr und mehr von den Eingewanderten unter- 
schieden. So bildete sich das Bewußtsein des Anders- 
artigen, und das Bewußtsein des Andersartigen trieb 
sie erst recht dazu, dem Andersartigen das Fremd- 
artige unterzuschieben und zur Unterscheidung von dem 
Altdeutschen das französische Erbe jetzt erst recht 
hervorzuholen und als das elsässische Wesens- 
merkmal zu betonen und zu pflegen. 
Dazu kam, daß die staatsrechtliche Form des 
Reichslandes, die das Land immer mehr auf sich selbst 
stellte und dem Wesen des Bundesstaates annäherte, 
auf die Dauer notwendig auf das Volk in der Rich- 
tung wirken mußte, daß es sich als ein von den übri- 
gen partikularistischen Staatsvölkern unterschiedenes, 
eigenes Individualvolk fühlte und so dahin gedrängt 
wurde, nach angemessenem, entsprechendem Inhalt 
für dieses sein eigenartiges völkisches partikularistisches