Contents : Europäischer Geschichtskalender. Elfter Jahrgang. 1870. (11)

Das  Denisqhe  Reith  und  seine  einjelnen  Glieder.  (März  7.  —  10.)  117

aber  Sie  sehen  doch  aus  den  Bestimmungen,  welchen  Weg  die  Regierung
geht.  Die  Regierung  sucht  ihren  Stolz  darin,  den  wirtschaftlich  Schwachen
zu  helfen.  Die  tagtägliche  Arbeitszeit  soll  nur  10  Stunden  betragen,  der
Anspruch  auf  freie  Rückbeförderung  soll  bestehen,  Unterkunft  soll  beschafft,
für  Krankenpflege  soll  gesorgt,  Aborte  müssen  angelegt  werden,  größere
Bflan  zungen  müssen  Hospitäler  haben  usw.  Auf  allen  diesen  Wegen  will
die  Verwaltung  das  Wohl  der  Eingeborenen  fördern.  Aus  der  Denkschrift
daben  verschiedene  Redner  unabhängig  voneinander  verallgemeinernde
Schlüsse  gezogen,  als  ob  die  Verhältnisse  in  den  Kolonien  fürchterlich  sind;
sie  haben  aber  den  Passus  übersehen,  der  feststellt,  daß  die  Arbeiterfürsorge
in  den  Distrikten,  wo  Arbeiterkommissare  angestellt  sind,  eine  erhebliche
Besserung  erfahren  habe.  Der  Abg.  Naumann  hat  das  Problem  von  einer
doheren  Warte  betrachtet,  er  will  die  Krankheit  nicht  durch  Kurieren  auf
Symptome  heilen,  sondern  indem  er  ihre  Natur  untersucht,  und  er  stellt
die  Frage,  wie  die  Arbeit  sich  mit  der  verschiedenen  Lebensauffassung
zwischen  Europäern  und  Negern  verträgt.  Das  ist  des  Pudels  Kern,  aus
dieser  verschiedenen  Auffassung  entstehen  die  Inkongruenzen,  die  je  nach
dem  Temperament  des  Arbeitgebers  sich  mehr  oder  minder  zuspitzen.  Daß
Arbeiterzwang  herrscht,  muß  ich  leugnen,  so  lange,  bis  es  mir  bewiesen
wird:  die  betreffenden  Verordnungen,  die  ihn  verbieten,  sind  nicht  aufgehoben,
  sondern  im  Gegenteil  habe  ich  mich  voriges  Jahr  auf  den  Standvunkt
  gestellt,  daß  die  Gouverneure  angewiesen  werden  sollen,  dort,  wo
irgendwie  ein  Zwang  vorhanden  ist,  ihn  aufzuheben.  Ich  habe  hier  nichts
zu  vertuschen,  denn  es  kommt  mir  darauf  an,  daß  Sie  Vertrauen  haben.
Es  ist  nun  gesagt  worden,  daß  anscheinend  in  Daressalam  etwas  wie  ein
Arbeitszwang  sich  eingeschlichen  hat.  Ich  bin  daran  gegangen,  die  Sache
zu  untersuchen;  nach  den  eingelaufenen  Telegrammen  kann  es  sich  nur
darum  handeln,  daß  das  Arbeiterfangsystem,  welches  in  Wilhelmsthal  geherrscht
  hat,  sich  dahin  ausgedehnt  hat.  Ich  werde  nachforschen  lassen,  ob
dem  so  ist,  und  werde  für  Abstellung  sorgen,  wenn  es  der  Fall  ist.  Ohne
irgendwelchen  Zwang,  nennen  wir  es  moralischen  Zwang  oder  anders,
werden  wir  den  Negern  gegenüber  nicht  auskommen  können.  Wir  hoffen,
da  einen  Weg  zu  finden,  der  auch  bei  denen  keinen  Anstoß  erregt,  die  vielleicht
  den  humanitären  Standpunkt  den  Negern  gegenüber  etwas  zu  stark
betonen.  Wir  haben  ja  auch  bei  uns  einen  Zwang,  einen  Eingriff  in  die
versönliche  Freiheit.  Wir  haben  die  allgemeine  Dienstpflicht,  die  Verpflichtung
  zur  Beteiligung  an  der  Feuerwehr  usw.,  woran  kein  Mensch  Anstoß
nimmt.  Wir  wollen  aber  nicht,  daß  die  schwarzen  Arbeiter  gezwungen
werden,  an  Eisenbahnen  zu  arbeiten  oder  in  Plantagen  zu  gehen.  (Zuruf
des  Abg.  Erzberger.)  Wenn  Herr  Erzberger  sich  auf  den  Standpunkt  stellen
wollte  ...  (Abg.  Erzberger:  Ich  bin  ja  ganz  damit  einverstanden!  —
Große  Heiterkeit.)  Was  nun  die  Verhältnisse  der  Eingeborenen  betrifft,  so
muß  man  sagen,  daß  die  der  Eingeborenen  in  Deutsch-Ostafrika  günstiger
liegen  als  in  Kamerun.  Die  Verhältnisse  in  Kamerun  sind  in  der  Tat  teilweise
  traurige;  aber  man  soll  dafür  nicht  einseitig  den  Plantagenbesitzern
die  Schuld  zuschieben.  Das  Los  der  Träger  und  der  Familien  der  Träger
ist  erheblich  trauriger  als  das  der  Plantagenarbeiter.  Ich  habe  auf  vielen
Plantagen  sehr  gute  Arbeitereinrichtungen  gefunden.  Man  hat  gebeten,  die
Sachverständigkeit  der  alten  Afrikaner  nicht  allzu  hoch  einzuschätzen.  Ich
möchte  darauf  hinweisen,  daß  die  Beschuldigungen  aus  Afrika  bei  40  Grad
Reaumur  geschrieben  und  nicht  allzu  ernst  zu  nehmen  sind.  (Abg.  Ledebour:
Die  Verwaltungsberichte  sind  auch  bei  10  Grad  Reaumur  geschrieben!  —
Heiterkeit.)  Durchaus  nicht.  Bei  den  Briefen  aus  Afrika  darf  man  auch
nicht  übersehen,  daß  dabei  die  Gegensätze  der  Kaufleute  und  der  Pflanzer