Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Februar  1899.  53

Auf  Aufragen  des  Abgeordneten  Richter  über  das  nach  Peking  entsandte
Detachement  und  über  die  Insultierung  Dentscher  in  Tientsin  erwidert

Staatssekretär  von  Bülow:

Das  Detachement,  welches  von  Kiautschon  nach  Peking  geschickt
worden  war,  hat  in  der  kaiserlichen  Gesandtschaft  Unterkunft  gefunden.
Was  die  Kosten  angeht,  so  werden  dieselben  bei  dem  Etat  des  Reichs-Marincamts
  berechnet  werden.  Ans  Tientsin  ist  uns  gestern  abend  ein
Telegramm  zugegangen,  nach  welchem  am  24.  d.  M.  abends  mehrere
Deutsche  in  der  Stadt  angegriffen  und  insultiert  worden  sind,  die  genötigt
wurden,  sich  in  die  engen  Seitenstraßen  zu  flüchten.  Wir  hatten  schon
vor  einigen  Wochen  die  Meldung  erhalten,  daß  sich  in  China  eine  gewisse
Gereiztheit  gegen  die  Fremden  geltend  mache  und  namentlich  im  Süden
von  Schantung  eine  Gärung  vorhanden  sei.  Wir  haben  schon  damals
der  chinesischen  Regicrung  nicht  verhehlt,  wie  notwendig  es  sci,  daß  sie
mit  Bezug  auf  die  öffentliche  Sicherheit  größere  Wachsamkeit  zeige.

Infolge  des  gestern  aus  Tientsin  eingegangenen  Telegramms  habe
ich  unsern  Gesandten  in  Peking  angewiesen,  der  chinesischen  Regierung
keinen  Zweifel  darüber  zu  lassen,  daß,  falls  derartige  Vorkommnisse  nicht
strenge  geahndet  werden  oder  gar  sich  wiederholen  sollten,  dies  für  die
chinesische  Regierung  ernste  Folgen  nach  sich  ziehen  würde.  Wir  haben
weder  eine  Veranlassung  noch  die  Absicht,  uns  in  die  inneren  chirecsischen
Verhältnisse  einzumischen.  Aber  wir  haben  die  Pflicht,  darüber  zu  wachen,
daß  Leben  und  Eigentum  unserer  Reichsangehörigen,  unsere  Missionare
und  ihre  Anstalten,  unsere  Kanfleute  und  ihre  Handelsnnternehmungen,
kurz  unsere  ethischen  und  materiellen  Interessen  durch  dic  inneren  chinesischen
Wirren  nicht  berührt  werden.  Wir  werden  diese  Pflicht  vor  Angen  behalten
  und  die  gewichtigen  Interessen,  welche  wir  in  China  besitzen,  mit
Nachdruck  schützen.  »

Was  Schantung  angeht,  so  sind  uns  durch  das  Abkommen  vom
6.  März  v.  J.  in  dieser  Provinz  wertvolle  Konzessionen  wirtschaftlicher
Natur  gemacht  worden.  Der  Hauptsache  nach  sind  es  Konzessionen  für
Ban  und  Betrieb  von  Eisenbahnen  und  zur  Hebung  der  reichen  Bodenschätze
  der  Provinz  Schantung  an  Kohlen  und  sonstigen  Mineralien.

Unsere  nächste  Aufgabe  ist  die  Herstellung  einer  Verkehrsstraße
zwischen  Kiantschon  und  Hoangho.  Um  den  Ban  der  Bahnen  haben  sich
verschiedene  Unternehmergruppen  beworben.  Es  ist  gelungen,  diese  Gruppen
zu  einigen.  Unsere  hervorragendsten  kapitalistischen  Kräfte  haben  sich  mit
angesehenen  ostasiatischen  Handelshäusern  verbunden.  Die  Unterhandlungen
mit  diesem  Syndikat  sind  noch  nicht  ganz  zum  Abschluß  gelangt,  über