Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Solms' unzureichende Berichte über französische Wahlen. 101 
die Dolitik des suffrage universel nur den Sturz des Kaiserreschs zur Solge haben köõnne. 
Bismarck legte die Solmsschen Berichte am 8. Junk dem Könige vor, der daju bemerkte: 
„Da ist es schwer, sich einen Vers daraus zu machenl!“ 
Sanz vertraulich. Berlin, den 10. Juni 1869. 
Ew. pp. diesmalige Sendung durch den Königlichen Geldjäger, namentlich die Berichte 
vom 28. Mai und 3. Juni, welche sich mit den durch den Ausfall der Wahlen hervor- 
gerufenen Eindrücken beschäftigen, haben ein um so lebhafteres Snteresse hier erregen 
müssen, je wichtiger es ist, in die Situation, wie sie infolge dieser Wahlen sich gestaltet, 
einen klaren Einblickt zu gewinnen. Die Berichte Ew. pp. liefern hierzu ein wertvolles 
Material, indem sie die Auffassungen und Anschauungen verschiedener Kreise und Perfön- 
lichkeiten widerspiegeln. Aur bätte ich gewünscht, Ihr eigenes Urteil bestimmter und 
schärfer bervortreten zu sehen. Seine Majestät der König erwartet von seinen Missionen 
im Auslande nicht nur die objektive Zusammenstellung der einzelnen, je nach den verschie- 
denen Partei- und Koterienüancen gefärbten Meinungen und Anschauungen, deren Kennt- 
nis ja an und für sich auch nicht ohne Wert ist, sondern vor allem ein klares Bild des Ein- 
druckes, welchen die gesamte Situation auf einen durch die unmittelbare Anschauung und 
den lebendigen Verkehr zum Urteil befähigten preußischen Diplomaten macht. Ein golches 
mir aus den von Ew. pp. nebeneinander gestellten verschiedenen und zum Teil sich wider- 
sprechenden Eindrücken zu bilden, hat mir nicht gelingen wollen; es ist mir z. B. schwer, 
uherungen miteinander zu vereinigen, wie die einmal, daß der Kaiser sich bei den jetzigen 
Wahlen der alten Parteien der Legitimisten und Orleanisten entledigt habe — und die 
andere, daß die alten Parteiführer nach wie vor in der Kammer sitzen werden. Sch hobe 
nicht unterlassen wollen, Ew. pp. in öhrem eigenen Interesse auf diese Seite der Bericht- 
erstattung aufmerksam zu machen, damit Ew. pp. sich recht lebhaft davon durchdringen, wie 
es Seiner Majestät dem Könige vor allem darauf ankommt, ein klares und politives Bild 
und Urteil zu empfangen, nicht eine NReibe einander aufhebender Eindrücke, wie sie aus den 
Vermutungen und den Hoffnungen und Wünschen der Parteien und ihrer Vertreter in 
den Salons und den Journalen sich ergeben. Ich gebe mu, daß es im gegenwärtigen Augen- 
blicke schwer ist, sich ein solches m bilden und namentlich dabei von den Anschauungen der 
Kreife, in denen der einzelne sich vorzugsweise bewegt, unbeeinfluht sich zu erhalten; je 
stärker diese Einflüsse, die ich selbst von Paris ber kenne, gerade dort sind, um go not- 
wendiger wird es, sich die Selbständigkeit des Urteils zu wahren. 
Was die Lage selbst betrifft, so glaube ich wohl, daß Ew. pp. das Siel, welches der 
Kaiser im Auge habe, richtig bezeichnen, insoweit Sie die Befestigung seiner Dynastie als 
solches annehmen, und daß man von diesem Gesichtspunkte aus die Schritte, welche er tut, 
oder die man von ihm zu erwarten berechtigt ist, beurteilen darf. 
Dagegen hat es mich frappiert, daß Ew. pp. auf die Aktion der Arbeiter und das 
Verhältnis des Kaisers zu denjelben das entscheidende Gewicht zu legen scheinen. Sie be- 
Jzeichnen es als charakteristische Symptome nach verschiedenen Seiten hin, daß es dem Kaiser 
zwar gelungen sei, sich mit der Arbeiter Hilfe der Legitimisten und Orleanisten zu entledigen, 
daß er aber die Arbeiter bevölkerung keineswegs gewonnen babe. 
Eine Arbeiter bevölkerung in unserem Sinne des Wortes gibt es vorzugsweise in 
den großen Städten; wir verstehen unter Arbeitern die eigentumslolsen Arbeiter in und