— 102 — 1
Truppen, hält hier und da Heerschau ab und befehligt dabei gern selbst.
Seine gewöhnliche Erholung sind Ritte, Fahrten und Gänge ins Freie. Auch
liebt er die Jagd und erfreut sich an Musik und guten Schauspielen. Gern
unternimmt er Reisen. Die Regierungsarbeiten läßt er sich dabei nach-
schicken und erledigt sie rasch und regelmäßig. Bei Meerfahrten hält er
selbst Gottesdienst auf dem Schiffe, denn er fürchtet Gott und bittet täglich
um Segen von oben.
7. Er führt ein glückliches Familienleben. Am 27. Februar 1881
vermählte sich unser Kaiser mit der Prinzessin Auguste Viktoria Luise
von Schleswig-Holstein. Sie trägt die Namen von drei preußischen
Königinnen, hat aber auch deren Tugenden geerbt. Sie wurde am 22. Oktober
1858 geboren, einfach und fromm auf einem ländlichen Schlosse ihres Vaters
erzogen. Durch Anmut und Güte gewann sie schon als Prinzessin alle Herzen.
Wohlthun war immer ihre Lust. Was sie als Prinzessin gelernt, das übt
sie als Kaiserin. Alle Werke der christlichen Liebe fördert, die Notleidenden
unterstützt und die Unglücklichen tröstet sie. Besonders ihrem frommen Eifer
ist es zu danken, daß in Berlin viele neue Kirchen erbaut worden sind.
Dem Kaiser hat sie sechs blühende Söhne und eine Tochter geschenkt.
Der älteste, Kronprinz Friedrich Wilhelm, wurde am 6. Mai 1882 ge-
boren. Voll Freude rief sein greiser Urgroßvater Wilhelm I. aus: „Hurra,
vier Kaiser!“ Die kaiserlichen Kinder wurden einfach und streng wie Bürger-
kinder erzogen. Besonders gern spielten sie Soldaten. Der Kronprinz war
dann ihr Hauptmann, dem sie willig gehorchten. Die hohenzollernschen
Tugenden des Fleißes, des Gehorsams und der Sparsamkeit übten sie schon
in frühster Jugend. Am 6. Mai 1900 wurde der Kronprinz unter großen
Feierlichkeiten großjährig erklärt, leistete den Fahneneid und trat in die
Armee ein.
8. Mancherlei Verluste. Am 7. Januar 1890 starb des Kaisers
Großmutter, die greise Kaiserin Augusta, und versetzte das kaiserliche Haus
wie das ganze Land in tiefe Betrübnis. Wie ihr großer Gemahl wird auch
sie im Volke unvergessen bleiben: als edle Frau, als hochherzige Beschützerin
aller wohlthätigen Bestrebungen für das Volkswohl, als Gründerin der
Frauenvereine, die unter dem roten Kreuze so überaus segensreich
wirken. Am 20. März 1890, kurz vor seinem 75. Geburtstage, legte Fürst
Bismarck sein Amt als Kanzler des deutschen Reiches nieder und zog sich
auf seine Güter zurück. Mit Schmerz sah ihn Deutschland aus seiner welt-
gebietenden Stellung scheiden, in welcher er 28 Jahre hindurch für den
Ruhm und die Macht Preußens, für die Einheit und Größe Deutschlands
gekämpft hatte wie keiner vor ihm. Noch 8 Jahre lebte der „Altreichs-
kanzler“ auf seinem Gute Friedrichsruh im Sachsenwalde bei Hamburg.
Sein 80. Geburtstag wurde von allen Deutschen wie ein Festtag gefeiert.
Unerwartet rief ihn der Tod am 31. Juli 1898 aus dem Leben. Groß
war die Trauer aller deutschen Herzen. Nie wird der Deutsche vergessen,
daß er seinem Fürsten Bismarck hauptsächlich ein großes, einiges und mäch-
tiges Vaterland verdankt. Sein Grabmal trägt die schlichte Inschrift: „Ein
treuer Diener Kaiser Wilhelms.“ Am 26. Oktober 1890 feierte ganz Deutsch-
land wie ein Mann den 90. Geburtstag seines stillen, edlen, großen Waffen-
schmiedes und Schlachtendenkers Moltke. Doch schon am 24. April 1891
rief ihn Gott unerwartet durch einen schmerzlosen Tod aus diesem Leben.
9. Die Gegenwart. Die Helden der großen Zeit sind von dem Schau-
platze ihrer Thaten abgetreten, aber ihr Werk besteht, und unentwegt wird