Full text : Blätter für Rechtsanwendung. Alphabetisches und systematisches Register über die Bände 61-70. (71r)

590  Venisches  Keich.  (Mai  16.)

Meldungen  ein  hiesiges  Blatt  und  eine  Berliner  Zeitung  glauben,  die  Haltung
der  bayer.  Regierung  gegenüber  der  Politik  des  Reichskanzlers  mit  der  els.-lothr.
  Frage  in  Verbindung  bringen  zu  sollen  und  sie  als  durch  selbstsüchtige
Motive  bestimmt  hinzustellen  suchen,  so  ist  hiergegen  energisch  Verwahrung
einzulegen.  Wie  erst  neuerlich  die  Verhandlungen  des  Bundesratsausschusses
für  ausw.  Angelegenheiten  gezeigt  haben,  befindet  sich  die  bayer.  Regierung
bei  der  Unterstützung  der  Politik  des  Reichskanzlers  in  voller  Uebereinstimmung
  mit  den  Regierungen  der  anderen  größeren  Bundesstaaten.  Darüber
daß,  wie  das  gleiche  Berliner  Blatt  zu  melden  weiß,  in  jüngster  Zeit  über
die  künftige  Gestaltung  Elsaß-Lothringens  einschneidende  Beschlüsse  gefaßt
worden  seien,  ist  hier  an  maßgebender  Stelle  nicht  das  mindeste  bekannt.

Die  Berliner  „Post“  hatte  über  einen  Aufteilungsplan  der  Reichslande
  folgende  Mitteilungen  gemacht:  Die  in  der  Presse  schon  als  wahrscheinlich
  hingestellte  Vertagung  der  elsässischen  Interpellation  bestätigt  sich,
ebenso  der  für  diese  Entschließung  angeführte  Grund,  daß  nämlich  die  Regierung
  sich  bereit  erklärt  habe,  die  reichsländische  Landesversammlung  zur
Erledigung  des  Haushaltes  einzuberufen.  Gerade  dieser  letztere  Umstand
aber  darf  einige  Verwunderung  erregen,  wenn  man  ihn  mit  den  Ergebnissen
  zusammenhält,  die  die  jüngsten  politischen  Verhandlungen  des  Kanzlers
  in  Berlin  und  im  Hauptquartier  dem  Vernehmen  nach  gezeitigt  haben.
Es  sind  nämlich,  wie  wir  hören,  eingreifende  Beschlüsse  über  Elsaß-Lothringens
künftige  Gestaltung  gefaßt  worden.  Und  zwar  haben  die  beteiligten  Stellen
nicht  nur  an  dem  früher  schon  erwogenen  Plane  einer  Aufteilung  des
Reichslandes  zwischen  Preußen  und  Bayern  festgehalten,  sondern  ihn  sogar
dahin  ergänzt,  daß  außer  dem  Elsaß  auch  noch  einige  lothringische  Kreise
an  Bayern  fallen  sollen.  Wir  müssen  uns  einstweilen  mit  der  Wiedergabe
dieser  auffallenden  Tatsache  begnügen,  möchten  aber  doch  noch  auf  den
Zusammenhang  hinweisen,  der  ganz  offenbar  zwischen  der  reichsländischen
Frage  und  der  im  Bundesrat,  sowie  in  dessen  Auswärtigen  Ausschuß  betätigten
  Zustimmung  Bayerns  zur  Reichspolitik  besteht.

Die  „Kreuzztg.“  erwidert  auf  die  Erklärung  der  „B.  St.“:  Trotzdem
die  „B.  St.“  es  in  Abrede  stellt,  daß  neuerdings  einschneidende  Beschlüsse  über
die  künftige  Gestaltung  E.-L.s  getroffen  worden  seien,  haben  wir  Ursache
anzunehmen,  daß  die  Meldung  richtig  ist.  Möglicherweise  ist  sie  aber  lediglich
die  Bestätigung  längst  beschlossener  Maßnahmen.  Daß  E.-L.  in  seiner  jetzigen
Form  jetzt  nicht  weiter  bestehen  kann,  sondern  aufgeteilt  werden  muß,  ist
so  ziemlich  allgemeine  Meinung  in  Deutschland.  So  sicher,  wie  der  Umstand,
  daß  ein  beträchtlicher  Teil  von  L.  dann  an  Preußen  fallen  müßte,
ist  auch  die  Tatsache,  daß  an  Bayern  ein  beträchtlicher  Teil  des  E.,  wenn
nicht  das  ganze  E.,  wird  fallen  müssen.  Daß  ein  Entgegenkommen  an
Bayern  angebracht  ist,  wird  niemand  bestreiten  dürfen.  Die  „B.  St.“  stellt
dann  auch  in  Abrede,  daß  durch  ein  solches  Entgegenkommen  die  Zustimmung
der  bayer.  Regierung  zur  Politik  des  Reichskanzlers  erkauft  worden  sei-.
Jedenfalls  müßten  wir  es  für  wünschenswert  halten,  daß  die  Neuordnung
der  Dinge  in  E.-L.  sobald  als  möglich  zur  Tatsache  wird.  Wie-#ie  Neuordnung
  vorzunehmen  sein  wird  und  wie  bei  der  Neuaufteilung  die  Grenzen
zu  ziehen  sind,  ist  selbstverständlich  eine  schwierige  Frage,  von  der  wir
wünschen  möchten,  daß  sie,  in  Einigkeit  und  ohne  zur  Quelle  von  Verstimmungen
zu  werden,  im  Bundesrat  unter  sämtlichen  in  Betracht  kommenden  Bundesstaaten
  gelöst  werden  möge.

16.  Mai.  (Bundesrat.)  Es  gelangen  zur  Annahme:

Die  Entw.  e.  Bek.  über  den  Verkehr  mit  Sulfat,  e.  Bek.  über  eine
Ernteflächenerhebung  im  Jahre  1917,  e.  Bek.  über  Aluminium,  e.  Bek.