Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

Ventsches  Reich.  (Juni  21.)  201

Schwierigkeiten  bietet.  Es  liegt  mir  daran,  nochmals  öffentlich  vor  diesem
hohen  Hause  programmatisch  zu  erklären,  daß  es  niemals  in  der  Absicht
der  Unterhändler,  niemals  in  der  Absicht  der  Regierungen  der  verbündeten
Mittelmächte  gelegen  hat,  daß  das  Kondominium  in  der  Dobrudscha
etwas  anderes  sein  sollte  als  eine  zeitweilige  Maßregel,  daß  niemals  unter
den  verbündeten  Mittelmächten  darüber  auch  nur  einen  Augenblick  ein
Zweifel  bestanden  hat,  daß  wir  alle  die  Wünsche  und  Aspirationen  unseres
treuen  bulg.  Verbündeten  auf  dieses  Land,  mit  dem  ihn  historische  und
nationale  Bande  binden,  niemals  haben  anzweifeln  wollen.  Wir  alle  stehen
auf  dem  Standpunkt,  daß  dieses  Provisorium,  das  wir  so  kurz  als  möglich
wünschen,  seine  natürliche  Lösung  darin  finde,  daß,  den  Wünschen  des  bulg.
Volkes  entsprechend,  die  Norddobrudscha  mit  Bulgarien  vereinigt  werde.
Da  es  sich  im  vorliegenden  Falle  um  Meinungsverschiedenheiten  zwischen
zweien  unserer  Verbündeten  handelt,  von  denen  wir  alle  überzeugt  sind,
daß  sie  sich  bei  gutem  Willen  überbrücken  lassen,  müssen  wir  sorgfältig
alles  vermeiden,  was  nach  außen  hin  den  Eindruck  erwecken  könnte,  als
würde  die  deutsche  Politik  oder  wesentliche  Faktoren  die  Wünsche  und  Ansprüche
  des  einen  auf  Kosten  des  anderen  begünstigen.  Die  Frage  der
Norddobrudscha  bezw.  derjenigen  Kompensationen,  die  unserem  treuen  türk.
Verbündeten  im  Falle  einer  Lösung  dieser  Frage  im  bulg.  Sinne  zustehen,
hat  die  öffentliche  Meinung  beider  Länder  im  hohen  Grade  erregt  und
beschäftigt  sie  in  besonderem  Maße.  Und  da  glaube  ich  auch  im  Sinne
des  Abg.  Stresemann  wegen  seiner  diesbezüglichen,  möglicherweise  mißzuverstehenden
  Aeußerungen  zu  sprechen,  wenn  ich  sage,  daß  sowohl  der
Reichsregierung,  als  auch  der  gesamten  Oeffentlichkeit,  insbesondere  den
großen  leitenden  Parteien  dieses  Hauses  nichts  ferner  liegt,  als  die  Wünsche
und  Aspirationen  eines  Bundesgenossen  auf  Kosten  des  anderen  irgendwie
bevorzugen  zu  wollen.  Das  weitere  in  den  Reden  zum  Ausdruck  gekommene
Mißtrauen  gegen  Rumänien  ist  verständlich  und  die  Politik  und  die  öffentliche
  Meinung  werden  auch  weiter  abwartend  der  Entwicklung  der  Dinge
in  diesem  uns  früher  befreundeten  Lande  gegenüberstehen  müssen,  doch  darf
dieses  Abwarten  nicht  ein  ausgesprochenes  Mißtrauen  sein.  Das  bisherige
Verhalten  des  rumän.  Kabinetts,  mit  dem  wir  den  Frieden  abgeschlossen
haben,  gibt  die  Gewähr  dafür,  daß  diejenigen  Personen,  deren  Schuld
erwiesen  werden  kann,  zur  Rechenschaft  gezogen  werden  sollen.  Auch  glaube
ich,  daß  uns  die  Thronrede  des  eben  eröffneten  rumän.  Parlaments  einen
nicht  ungünstigen  Ausblick  für  die  Zukunft  gewinnen  läßt.  Schließlich
möchte  ich  noch  den  Ausführungen  des  Abg.  Ledebour  auf  das  nachdrücklichste
  und  energischste  entgegentreten.  Das  Haus  Hohenzollern  und  mit
ihm  alle  deutschen  Fürstenhäuser  haben  von  jeher  mit  ihren  Völkern  im
vorbildlichen  innigen  Verein  gearbeitet,  gestritten  und  gesiegt,  und  ich  glaube,
daß  in  dieser  schweren  Zeit  kein  Deutscher  —  ich  sage  ausdrücklich  kein
Deutscher  —  anders  als  mit  dem  Gefühl  der  Verehrung  und  Dankbarkeit
zu  seinem  Kaiser  emporblickt.  Die  deutschen  Fürsten  und  insbesondere  die
Hohenzollern  stehen  zu  hoch,  als  daß  Ausführungen,  wie  die  eben  gehörten,
ihnen  nur  die  Stiefel  bespritzen  könnten.  (Lebh.  Beifall.)

Darauf  werden  die  Verträge  nach  einigen  persönlichen  Bemerkungen,
in  denen  Abg.  Graf  v.  Westarp  die  Ausführungen  des  Abg.  Ledebour  als
eine  Schmach  bezeichnet,  während  dieser  sie  aufrechterhält  und  noch  verschärft,
  wofür  ihm  Vizepräsident  Dove  einen  Ordnungsruf  erteilt,  an  den
Hauptausschuß  verwiesen.

Ohne  Aussprache  finden  Erledigung  ein  Gesetzentwurf  über  die  Niederschlagung
  von  Untersuchungen  gegen  Kriegsteilnehmer  und  ein  Gesetzentwurf
betr.  Aenderung  des  Kriegssteuergesetzes  v.  21.  Juni  1916.