Volltext : Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 29. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. (29)

Nächste  Wirlungen  des  preußischen  Angriffs.  115

Armee  über  den  Rhein  begrüßt.  Auf  diese  Nachricht,  welche  der
Königin  zu  Bruck  an  der  Leitha  gebracht  ward,  eilte  sie  nach  der
Hauptstadt  zurück;  in  ihrer  Gegenwart  wurde  ein  feierliches  Tedeum
gehalten.  Daß  aber  damit  für  ihren  Hauptzweck,  die  Entschädigung
für  ihre  Abtretungen,  viel  gewonnen  sei,  ließ  sich  nicht  sagen:  Lothringen
  konnte  man  nicht  ernstlich  angreifen,  da  es  statt  Toskanas
abgetreten  worden;  die  Plätze  im  Elsaß  waren  so  gut  im  Stande,
Straßburg  noch  durch  Vaubans  Fortificationen,  daß  es  für  eine
Armee,  der  schwächere  Plätze  so  viel  zu  schaffen  gemacht  hatten  und
deren  Stärke  in  den  leichten  Truppen  bestand,  kaum  möglich  schien,
sie  zu  erobern.

Indem  lief  die  Nachricht  ein  —  am  5.  August  —  daß  der
König  von  Preußen  den  sächsischen  Hof  um  den  Durchzug  seines
schweren  Geschützes  gebeten  habe.  Am  7.  machte  der  preußische  Gesandte
  die  amtliche  Erklärung,  daß  sein  Herr  dem  Kaiser  Hülfsvölker
senden  werde,  weil  er  nicht  dulden  könne,  daß  die  Truppen  des
Reichsoberhauptes  aus  dem  Reiche  verdrängt  und  derselbe  gleichsam
„mit  Stumpf  und  Stil“  vom  Reichsboden  vertilgt  werden  solle.  Man
sah  den  gefährlichsten  Gegner  in  dem  alten  Bunde  mit  Frankreich
und  dem  Kaiser  sich  wieder  erheben  und  auf  einen  Einfall  in  Böhmen
denken.

Ein  Ereigniß,  in  diesem  Augenblick  nicht  erwartet,  den  begonnenen
  Unternehmungen  entgegenlaufend,  aber  in  der  Hauptsache
nicht  unerwünscht.

Denn  welches  war,  seitdem  die  baierisch-französischen  Angriffe
zurückgewiesen  worden,  der  ganze  Zweck  der  Fortsetzung  des  Krieges?
War  es  nicht  eben  der,  für  die  Abtretungen,  welche  Oesterreich  an
Preußen  gemacht,  eine  Entschädigung  zu  erlangen?  Man  stieß  dabei
auf  unermeßliche  Schwierigkeiten,  aus  der  ganzen  Lage  der  europäischen
Verhältnisse  entspringend,  schwer  oder  niemals  zu  beseitigen.  War  es
da  nicht  das  Beste,  Schlesien  selber  wieder  zu  erobern?  Bisher  war
man  durch  den  von  England  garantirten  Breslauer  Frieden  daran
verhindert.  Jetzt  fühlte  man  sich  von  dieser  Rücksicht  befreit;  der
Breslauer  Friede  erschien  durch  den  Einfall  in  Böhmen  gebrochen.
Man  wunderte  sich  beinahe  über  den  gutmüthigen  und  verblendeten
Diensteifer  Friedrichs  II.  Die  Königin  erinnerte  sich,  wie  ernstlich  ihr
von  französischer  Seite  Friedensbedingungen  vorgeschlagen  worden
waren,  bei  denen  es  ihrem  Gutdünken  überlassen  geblieben  wäre,
Schlesien  wiederzunehmen.  Nicht  die  Königin  selbst,  aber  einer  ihrer
Minister,  Graf  Kinsky,  hat  behauptet,  daß  man  auch  ein  Schreiben

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