Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreißigster Jahrgang. 1914. Zweite Hälfte. (55b)

Anhaug  I.  Siplennatische  Perhandlungen.  (Juli  29.)  1047

zurück  und  wollte  mir  neuerlich  nahelegen,  daß  man  unser  legitimes  Interesse
  zwar  anerkenne  und  voll  befriedigen  wolle,  daß  dies  aber  in  eine  für
Serbien  annehmbare  Form  gekleidet  werden  sollte.  Ich  meinte,  dies  sei
kein  russisches,  sondern  ein  serbisches  Interesse,  worauf  Herr  Ssasonow
geltend  machte,  russische  Interessen  seien  in  diesem  Falle  eben  serbische,
  so  daß  ich  dem  Circulus  vitiosus  durch  Uebergang  auf  ein  anderes
Thema  ein  Ende  machte.

(Petersburg.)  Nachm.  Der  deutsche  Botschafter  erklärt  Ssasonow,
  die  deutsche  Regierung  sei  gewillt,  zu  verbürgen,  daß  die
serbische  Integrität  von  Österreich  respektiert  werden  würde.

Ssasonow  antwortet  darauf,  das  könne  wohl  so  sein,  nichtsdestoweniger
  würde  aber  Serbien  ein  österreichischer  Vasallenstaat  werden,
gerade  wie  unter  ähnlichen  Umständen  Buchara  ein  russischer  Vasallenstaat
geworden  sei.  Es  würde  Revolution  in  Rußland  geben,  wenn  es  einen
solchen  Zustand  duldete  (EB  97).

(London.)  Grey  macht  dem  deutschen  Botschafter  gegenüber
den  Vorschlag,  Österreich  solle  sich  verpflichten,  nach  der  Besetzung
Belgrads  und  des  serbischen  Grenzgebietes  nicht  weiter  zu  gehen,
während  die  Mächte  Serbien  zu  bestimmen  suchen  sollen,  der  Monarchie
  ausreichende  Genugtuungen  zu  leisten  (EB  88,  103,  FG  112).

Hierauf  macht  Grey  dem  deutschen  Botschafter  die  dem  französischen
  Botschafter  gegenüber  (EB  87)  angekündigte  Mitteilung
(EB  89).

Grey  an  den  britischen  Botschafter  in  Berlin  (EB89):
Nachdem  ich  heute  nachmittag  mit  dem  deutschen  Botschafter  über  die  euro—
päische  Lage  gesprochen  hatte,  fügte  ich  hinzu,  ich  wünschte  ihm,  auf  ganz
private  und  freundschaftliche  Art  etwas  zu  sagen,  was  mir  sehr  im  Sinne
läge.  Die  Lage  sei  ernst.  Solange  alles  auf  die  Möglichkeiten  beschränkt
bliebe,  die  augenblicklich  wirklich  im  Spiel  seien,  dächten  wir  nicht  daran,
uns  einzumischen.  Wenn  aber  Deutschland  hineinverwickelt  würde,  und
dann  Frankreich,  dann  könnten  die  Folgen  so  groß  sein,  daß  alle
europäischen  Interessen  hineingezogen  würden.  Ich  wünschte
nun  nicht,  daß  der  freundschaftliche  Ton  unserer  Unterredungen  —  der
hoffentlich  anhalten  würde  —  ihn  zu  der  mißverständlichen  Annahme  führe,
daß  wir  beiseite  stehen  würden.

Er  sagte,  er  verstünde  dies  durchaus,  aber  er  frage,  ob  ich  meinte.
wir  würden  unter  gewissen  Umständen  dazwischentreten.

Ich  erwiderte,  ich  wünschte  dies  nicht  zu  sagen,  noch  irgend  etwas
als  eine  Art  Drohung  zu  gebrauchen  oder  den  Anschein  zu  erwecken,  als
versuchte  ich,  dadurch  einen  Druck  auszuüben,  daß  ich  sagte,  wenn  die
Dinge  sich  verschlimmerten,  würden  wir  dazwischentreten.  Es  wäre  nicht
die  Rede  von  Dazwischentreten  unsererseits,  wenn  Deutschland  nicht  hineinverwickelt
  würde,  oder  selbst,  wenn  Frankreich  es  nicht  würde.  Aber  er
wisse  wohl,  wenn  die  Sache  solche  Folgen  annähme,  daß  wir  glaubten,  die
britischen  Interessen  erforderten  unser  Dazwischentreten,  so  müßte  dies
augenblicklich  erfolgen,  und  die  Entscheidung  müsse  sehr  schnell  geschehen,
genau  so  wie  es  die  Entscheidungen  der  anderen  Mächte  müßten.  Ich

offte,  der  freundschaftliche  Ton  unserer  Unterredungen  würde  der  gleiche
leiben  wie  gegenwärtig,  und  ich  würde  mit  der  deutschen  Regierung  ebenso