Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfzehnter Jahrgang. 1874. (15)


90            Das  deutsche  Reich  und  seine  eintelnen  Glieder.

Die  Verweisung  an  eine  Commission  wird  bei  der  Abstimmung  abgelehnt,
  ebenso  ein  von  Krüger-Betoft  gestellter  Unterantrag,  den  Reichslanden
  eine  eigene  Landesvertretung  zu  gewähren.  Der  Antrag
Guerber-Winterer  wird  darauf  bei  namentlicher  Abstimmung  mit  196
gegen  138  Stimmen  verworfen.  Für  den  Antrag  stimmen  die  Elsässer,
  Polen,  Socialdemocraten,  das  Centrum  und  etwa  ein  Drittheil
der  Fortschrittspartei,  letztere,  nachdem  Banks  im  Namen  der  Partei
erklärt  halte,  sie  müßten,  obschon  sie  die  Argumente  der  Antragsteller
sich  nicht  aneigneten,  für  den  Antrag  stimmen,  wenn  die  Berathung
in  einer  Commission  nicht  angenommen  werde.

Die  Rede  Bismarcks  unterscheidet  sich  bereits  merklich  von  seinen  im
Mai  1871  dargelegten  freundlichen  Anschauungen,  erscheint  davon  wesentlich
zurückgekommen,  und  das  Reichsland  ihm  in  erster  Linie  nur  ein  Bollwerk
gegen  Frankreich  zu  sein.  In  dem  Ausfall  der  dortigen  Wahlen  scheint  er
eine  unmittelbar  feindselige  Demonstration  gegen  seine  gesammte  Verwaltung
daselbst  zu  erblicken  und  der  Ton  seiner  Rede,  die  er  übrigens  fast  mehr  an
Frankreich,    als an   den  Reichstag  adressirt,  ist  vielfach  ein  ironischer  bitterer

In diesem Falle wird das unbehagliche Gefühl durch den er-  
freulichen  Umstand  gemildert  daß  diese  Verhandlungen  hier  und  nicht  in
Versailles  stattfinden,  daß  diese  Beschwerden  im  deutschen  Reichstage  und
nicht  in  der  französischen  Nationalversammlung  zur  Sprache  kommen.  Das
tröstet  mich  über  manche  Verdrießlichkeiten,  ferner  auch  die  Thatsache,  daß
unsere  Regierung  stark  genug  ist,  so  kräftige  wenigsteus  in  Worten  kräftige
Ausdrücke  des  Mißfallens  öffentlich  mit  anhören  zn  können,  ohne  eine  solche
Kritik  fürchten  zu  müssen.  Bedenken  wir,  daß  bei  einem  andern  Ausfall
des  Krieges  Theile  der  Rheinprovinz,  oder,    was  wahrscheinlicher  gewesen
wäre,  Theile  Belgiens  französisch  geworden  wären  und  die  Vertreter  dieser
wider  ihren  Willen  annektirten  Landestheile  sollten  in  der  Pariser  Nationalversammlung
  ebenso  sprechen  —  wir  brauchen  nur  die  Zeitungsberichte  über
irgend  eine  Sitzung  der  Versailler  Versammlung  zur  Hand  zu  nehmen,  um
sicher  zu  sein,  daß  entweder  die  Majorität  oder  der  Präsident  Buffet  mit
dem  ihn  eigenen  einschneidenden  Wesen  die  Redefreiheit  illusorisch  machen
würde,  und  es  würde  der  Polizei  große  Mühe  kosten,  die  Redner,  welche  im
Vertrauen  auf  die  Gerechtigkeit  des  Pariser  Publikums  ihren  Gefühlen  Ausdruck
  gegeben,  auf  den  Straßen  und  in  den  Gasthöfen  von  Paris  vor  unparlamentarischen
  Unannehnmlichkeiten  zu  schützen.  (Murren  im  Centrum.)
Von  einigen  Herren  dahinten,  die  mehr  Vertrauen  auf  die  Gerechtigkeit  des
Pariser  Publikums  zu  haben  scheinen,  habe  ich  eben  Zeichen  des  Mißfallens
und  des  Zweifels  gehört;  erinnern  Sie  sich  doch  an  die  Sprache  der  französischen
  Tagespresse  über  die  Mörder  von  Deutschen;  der  Mord  von  Deutschen
  wird  ja  in  der  französischen  Gerichtspraxis  beinahe  als  etwas  Erlaubtes
  hingestellt.  Sie  sehen  also,  Ihr  Murren  hat  sehr  wenig  Berechtigtes.
Wenn  es  bisher  noch  zweifelhaft  gewesen  ist,  ob  ich  die  Aufhebung  dieser
Bestimmung  des  Gesetzes  befürworten  könnte,  so  haben  die  jüngsten  Wahlen,
der  Antrag,  den  die  sämmtlichen  Herren  unterschrieben  haben,  auf  eine  allgemeine
  Abstimmung  in  Elsaß-Lothringen,  die  nur  die  Loslösung  dieses
Theiles  vom  Reiche  zum  Ziel  haben  konnte,  so  hat  die  Art,  wie  die  Herren
die  Erscheinungen  auffassen  und  schilderten  und  auch  im  Elsaß  öffentlich
schildern  würden,  jeden  Zweifel  beseitigt.  Nachdem  ich  die  Herren  näher
kennen  gelernt  babel,  sage  ich,  ich  kann  unbedingt  nicht  ohne  diese  bisherige
Machtvollkommenheit  die  Verantwortlichkeit  für  die  Verwaltung  übernehmen.
Jeden  Zweifel  darüber  haben  die  Herren  zerstreut.  Ich  möchte  doch  die
Herren  bitten,  daß  fie  ihrerseits  das  Gefühl  der  Bitterkeit  etwas  mildern.