90 Das deutsche Reich und seine eintelnen Glieder.
Die Verweisung an eine Commission wird bei der Abstimmung abgelehnt,
ebenso ein von Krüger-Betoft gestellter Unterantrag, den Reichslanden
eine eigene Landesvertretung zu gewähren. Der Antrag
Guerber-Winterer wird darauf bei namentlicher Abstimmung mit 196
gegen 138 Stimmen verworfen. Für den Antrag stimmen die Elsässer,
Polen, Socialdemocraten, das Centrum und etwa ein Drittheil
der Fortschrittspartei, letztere, nachdem Banks im Namen der Partei
erklärt halte, sie müßten, obschon sie die Argumente der Antragsteller
sich nicht aneigneten, für den Antrag stimmen, wenn die Berathung
in einer Commission nicht angenommen werde.
Die Rede Bismarcks unterscheidet sich bereits merklich von seinen im
Mai 1871 dargelegten freundlichen Anschauungen, erscheint davon wesentlich
zurückgekommen, und das Reichsland ihm in erster Linie nur ein Bollwerk
gegen Frankreich zu sein. In dem Ausfall der dortigen Wahlen scheint er
eine unmittelbar feindselige Demonstration gegen seine gesammte Verwaltung
daselbst zu erblicken und der Ton seiner Rede, die er übrigens fast mehr an
Frankreich, als an den Reichstag adressirt, ist vielfach ein ironischer bitterer
In diesem Falle wird das unbehagliche Gefühl durch den er-
freulichen Umstand gemildert daß diese Verhandlungen hier und nicht in
Versailles stattfinden, daß diese Beschwerden im deutschen Reichstage und
nicht in der französischen Nationalversammlung zur Sprache kommen. Das
tröstet mich über manche Verdrießlichkeiten, ferner auch die Thatsache, daß
unsere Regierung stark genug ist, so kräftige wenigsteus in Worten kräftige
Ausdrücke des Mißfallens öffentlich mit anhören zn können, ohne eine solche
Kritik fürchten zu müssen. Bedenken wir, daß bei einem andern Ausfall
des Krieges Theile der Rheinprovinz, oder, was wahrscheinlicher gewesen
wäre, Theile Belgiens französisch geworden wären und die Vertreter dieser
wider ihren Willen annektirten Landestheile sollten in der Pariser Nationalversammlung
ebenso sprechen — wir brauchen nur die Zeitungsberichte über
irgend eine Sitzung der Versailler Versammlung zur Hand zu nehmen, um
sicher zu sein, daß entweder die Majorität oder der Präsident Buffet mit
dem ihn eigenen einschneidenden Wesen die Redefreiheit illusorisch machen
würde, und es würde der Polizei große Mühe kosten, die Redner, welche im
Vertrauen auf die Gerechtigkeit des Pariser Publikums ihren Gefühlen Ausdruck
gegeben, auf den Straßen und in den Gasthöfen von Paris vor unparlamentarischen
Unannehnmlichkeiten zu schützen. (Murren im Centrum.)
Von einigen Herren dahinten, die mehr Vertrauen auf die Gerechtigkeit des
Pariser Publikums zu haben scheinen, habe ich eben Zeichen des Mißfallens
und des Zweifels gehört; erinnern Sie sich doch an die Sprache der französischen
Tagespresse über die Mörder von Deutschen; der Mord von Deutschen
wird ja in der französischen Gerichtspraxis beinahe als etwas Erlaubtes
hingestellt. Sie sehen also, Ihr Murren hat sehr wenig Berechtigtes.
Wenn es bisher noch zweifelhaft gewesen ist, ob ich die Aufhebung dieser
Bestimmung des Gesetzes befürworten könnte, so haben die jüngsten Wahlen,
der Antrag, den die sämmtlichen Herren unterschrieben haben, auf eine allgemeine
Abstimmung in Elsaß-Lothringen, die nur die Loslösung dieses
Theiles vom Reiche zum Ziel haben konnte, so hat die Art, wie die Herren
die Erscheinungen auffassen und schilderten und auch im Elsaß öffentlich
schildern würden, jeden Zweifel beseitigt. Nachdem ich die Herren näher
kennen gelernt babel, sage ich, ich kann unbedingt nicht ohne diese bisherige
Machtvollkommenheit die Verantwortlichkeit für die Verwaltung übernehmen.
Jeden Zweifel darüber haben die Herren zerstreut. Ich möchte doch die
Herren bitten, daß fie ihrerseits das Gefühl der Bitterkeit etwas mildern.