Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

968  Beuisches  Reich.  (November  13.)

griffen  —  ein  Ereignis  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung.  Noch  niemals
ist  dem  Proletariat  eine  so  große  Aufgabe  zugewiesen,  wie  in  diesem
Augenblick.  Als  Gegner  des  Kapitalismus  und  aller  imperialistischen  Bestrebungen
  will  die  proletarische  Regierung  Rußlands  einen  allgemeinen
Waffenstillstand  zum  Zweck  eines  Friedens  anbieten,  der  auf  allen  Seien
Annektionen  jeder  Art,  offene  und  verschleierte,  ausschließt.  Die  Hoffnung,
den  Winterfeldzug  zu  vermeiden,  ist  damit  verstärkt.  Diese  Hoffnung  kenn
sedoch  nicht  in  Erfüllung  gehen,  wenn  das  deutsche  Prolctariat  lediglich
als  teilnehmender  Zuschauer  die  Vorgänge  in  Rußland  verfolgt.  Gerade
das  deutsche  Proletariat  hat  die  Pflicht,  jetzt  überall  Massenkundgebunzenr
für  einen  auf  allen  Seiten  annektionslosen  Frieden  zu  veranstalten.  Tie
Pläne,  Gebietserwerbungen  zu  machen,  sei  es  im  Westen,  sei  es  im  O##,
haben  wir  Sozialisten  grundsätzlich  bekämpft.  Mehr  als  je  bilden  sie  jezt
ein  Friedenshindernis.  Genossen  und  Genossinnen!  Beweist,  daß  ihr  mi
diesen  Plänen  nichts  zu  tun  habt,  daß  ihr  den  annektionslosen  Frieden  wie
alle  sozialistisch  denkenden  Proletarier  der  Well  wollt.  Regt  euch,  vergeßt
nicht  eure  große  geschichtliche  Aufgabe.  Viel  sieht  für  das  Prolelariat  auf
dem  Spiel!  Ueberall  müssen  Versammlungen  veranstaltet  werden,  in  dener
mit  wuchtiger  Kraft  der  Ruf  zu  erschallen  hat:  Allgemeiner  Wafsenstillüand
zum  Zweck  eines  auf  allen  Seiten  annektionslosen  Friedens!  Die  Unebt.
Soz.  Partei  Deutschlands:  Dittmann,  Haase,  Hofer,  Laukank,  Ledetbour,
Wengels,  Luise  Zietz.

13.  Nov.  (Bayer.  Abgeordnetenkammer.)  Antrittsrede  des
Ministerpräsidenten  v.  Dandl.

Vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  erhebt  sich  der  neue  Ministerpräsidem

v.  Dandl  zu  einer  längeren  programmatischen  Rede,  in  der  er  die  Gedanken
  darlegt,  die  ihn  bei  der  Uebernahme  seines  Amtes  bewegen:  Das
wichtigste  Ziel,  das  die  Staatsregierung  in  der  jetzigen  Zeit  anzustreben
at,  ist,  dem  Lande  die  innere  Einigkeit  und  Geschlossenheit  zu  eralten,

  deren  es  unter  allen  Umständen  bedarf,  wenn  es  die  Früchte  des

ampfes  ernten  soll,  den  unsere  Heere  seit  mehr  als  drei  Jahren  in  unvergleichlichem

  Heldenmut  erfolgreich  führen.  Bayern  kann  stolz  sein,  daß
sein  Volk  diese  Einigkeit  mustergültig  gewahrt  hat.  Wir  dürsen  keine-Zwist
  entstehen  lassen  zwischen  Stadt  und  Land  und  müssen  alles  #un,
um  eine  ausreichende  Versorgung  des  Volkes  zu  sichern,  wir  müssen  das
Volk  schützen  vor  Ausbentung  und  Kriegswucher.  Wir  müssen  aber  auch
dafür  sorgen,  daß  unser  politisches  Leben  die  Einigkeit  und  Arbeitlstraft
des  Volkes  stärkt  und  erhöhlt,  damit  nicht  unnützer  politischer  Streit  einen
lähmenden  und  zermürbenden  Einfluß  auf  die  Schaffensfreudigkeit  einzelner
.Berufsstände  übt.  Solange  der  Feind  mit  seinem  Vernichtungswillen  uniere
Existenz  bedroht,  solange  darf  nicht  der  Streit  um  politische  gziele  an  der
Geschlossenheit  des  Volkes  rütteln.  Die  Erhalzung  der  Geschlossenheit  und
des  Friedens  im  Volke  hat  zur  ersten  Voraussetzung  die  einheitliche  und
geschlossene  Führung,  und  diese  innerhalb  der  Skaatsregierung  zu  sichern,
wird  meine  ernste  Sorge  sein.  Nicht  minder  wichtig  als  dir  einheitliche
Führung  ist  die  Aufrechterhaltung  einer  ständigen  engen  Fühlung  der
Staatsregierung  mit  der  Volksvertretung.  Eine  weitere  Pflicht  ist  es,  der
Presse,  ohne  in  ihre  Unabhängigkeit  ein  zugreifen,  alle  die  Erleichterungen
und  Aufschlüsse  zu  verschaffen,  die  sie  bedarf,  wenn  sie  ihrer  vornehmsten
Aufgabe,  dem  Staatsinteresse  zu  dienen,  gerecht  werden  soll.  Was  die  Neuorganisation,
  Verbilligung  und  Vereinfachung  der  Staatsverwaltung
betrifft,  so  muß  geschehen,  was  möglich  ist.  Doch  dürfen  diese  Maßnahmen
nicht  ausschließlich  unter  dem  Druck  des  Krieges  geschehen.  Nachdem  der