Full text : Königlich-Baierisches Regierungsblatt. 1811. (6)

Der  22.  bis  25.  Februar.  613

Fetzen  und  hauste  nach  seiner  Laune,  während  Louis  Philipp  und  die
Prinzen  entflohen  (sie  entkamen  nach  England).  Die  Herzogin  von  Orleans
  eilte  mit  dem  Grafen  von  Paris  in  die  Deputiertenkammer,  um
dessen  Thronfolge  anerkennen  zu  lassen,  aber  die  Deputlerten  waren
nicht  mehr  Meister  in  der  Kammer,  sondern  „das  Volk“,  das  dieselben
durch  sein  Gebrüll  und  die  drohende  Haltung  seiner  Waffen  auf  die
Rolle  der  schweigsamen  Geduld  herunterbrachte;  die  Herzogin  selbst  durfte
sich  glücklich  preisen,  daß  sie  sich  mit  ihrem  Sohne  aus  dem  Getümmel
retten  und  wie  die  andern  Mitglieder  der  Familie  Louis  Philipps  entfliehen
  konnte.  Die  Anführer  der  Revolution  waren  zum  äußersten  entschlossen
  und  hätten  das  Leben  der  hohen  Personen  nicht  geschont,  daher
sich  diese  flüchten  mußten,  sobald  sie  nicht  mehr  von  den  Bataillonen
des  Linienmilitärs  umgeben  waren.  Odilon  Barrot  aber  und  Thiers
hatten  sich  zu  Pferd  gesetzt,  um  das  Volk  in  den  Straßen  zu  haranguieren
  und  die  Reform  zu  verkündigen,  und  beide  Reiter  wunderten  sich
nicht  wenig,  als  sie  zuerst  mit  Gespött  empfangen  wurden  und  endlich
hören  mußten,  sie  möchten  sich  aus  dem  Staube  machen,  oder  man
schieße  sie  herunter.  In  der  Deputiertenkammer  wurde  das  Siegel  auf
die  Bewegung  gedrückt,  in  welche  das  Reformbanket  umgeschlagen  war;
der  Dichter  und  Deputierte  Lamartine  schloß  die  Sitzung  der  Deputierten,
  die  sich  in  ihrer  Mehrzahl  sehr  beeilten,  nach  Hause  zu  kommen,
und  nun  hielt  ein  Ausschuß  des  souveränen  Volks,  der  sich  selbst  ernannt
und  seine  Vollmachten  sich  selbst  gegeben  hatte,  seine  Sitzung.  Er  rief
die  Republik  aus  und  setzte  eine  provisorische  Regierung  ein,  während
dasselbe  auf  dem  Stadthause  geschah,  wo  Lamartine  durch  seine  Beredtsamkeit
  verhinderte,  daß  nicht  sogleich  die  rothe  Fahne  als  Symbol
der  neuen  Republik  aufgesteckt  wurde.  Man  vereinigte  sich  endlich  für
ein  dirigierendes  Ministerkonseil,  dem  Lamartine,  der  Astronom  Arago,
der  alte  Dupont  de  l'Eure,  Ledru  Rollin,  Kremieur,  Garnier
Pageés,  Karnot,  Goudchaur  2c.  angehörten.  Neben  dieser  Reglerung
  stellte  sich  Louis  Blank  an  die  Spitze  der  Arbeiter  und  hielt  im
Palais  Lurembourg,  wo  einst  die  Pairskammer  getagt  hatte,  Versammlungen,
  in  welchen  er  viel  zum  Ruhme  seiner  Klienten  und  von  der
Organisation  der  Arbeit  zu  sagen  wußte,  nichts  aber  davon,  wie  er  denn
zu  organisieren  gedenke.  Die  neue  Nationalgarde  nahm  Kourtais
unter  seinen  Befehl,  Kaussidière  und  Sobrier  handhabten  die  Polizei
  und  jeder  umgab  sich  mit  einem  Bataillon  Februarhelden,  so  daß
die  Republik  eine  ziemliche  Anzahl  von  Mächten  in  sich  schloß.  Heer  und
Flotte,  ganz  Frankreich  nahm  die  Republik  an,  wie  sich  dieselbe  die  von
dem  Proletariate  übertölpelte  Pariser  Bourgeoisie  gefallen  lassen  mußte.

Gegenwärtig  ist  es  so  ziemlich  zur  Mode  geworden,  dem  König  Louis
Philipp  den  Vorwurf  der  Feigheit  zu  machen,  weil  er  dem  Revolutionssturm