Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veisches  Reich.  (April  24.—  Mai  1.)  441

problems  liegt  vollkommen  spruchreif  vor.  Mit  der  Erörterung  dieser  Frage
auch  nur  noch  einen  Tag  länger  zu  warten,  liegt  um  so  weniger  ein  Grund
vor,  als  ja,  wie  Sie  alle  wissen,  die  wachsenden  Ernährungsschwierigkeiten
im  Bolke  die  tiefgehendste  Mißstimmung  ausgelöst,  die  nicht  bloß  in  Berlin,
sondern  auch  in  anderen  Städten  Hunderttausende  von  Arbeitern  zu
Arbeitseinstellungen  geführt  haben,  die  direkt  durch  die  Not  hervorgerufen
  worden  sind.  (Lebh.  Unterbrechungen  rechts;  Rufe:  Verhetzung!  Ihre
Agitation!)  Unsere  Agitation  ist  nicht  darauf  hinausgegangen,  sie  hervorzurufen.
  Diese  Streiks  sind  ganz  zweifellos  spontan  aus  der  Not  des  Volkes
hervorgegangen.  Sie  kennen  ja  die  Not  der  Arbeiterfamilien  nicht;  lassen
Sie  sich  durch  das  alberne  Gerede,  daß  die  Streiks  von  irgendwelchen
Agitatoren  angezettelt  worden  seien,  nicht  irreleiten.  Die  Nahrungsmittelversorgung
  hängt  aufs  allerengste  mit  den  gesamten  Kriegs=  und  Friedensfragen
  zusammen.  Die  Not,  die  bei  uns  besteht,  findet  ihr  Gegenstück  in
der  Not  aller  anderen  Länder,  und  genau  so  wie  bei  uns  verlangt  das
Volk  auch  in  allen  anderen  Ländern,  daß  ihr  ein  Ende  gemacht  wird.
Man  wird  es  nicht  verstehen,  wenn  der  Reichstag  abermals  ohne  hinreichenden
  Grund  acht  Tage  Schicht  macht.  Die  Regierung  muß  durch  den
Reichstag  gezwungen  werden,  endlich  Farbe  zu  bekennen  und  zu  sagen,
was  sie  für  einen  Frieden  will.  Das  ist  die  Kernfrage.

Obwohl  auch  die  anderen  Parteien  die  Notwendigkeit  einer  baldigen
Aussprache  über  die  politischen  und  die  Ernährungsfragen  anerkennen,
wird  mit  Rücksicht  auf  die  Geschäftslage  der  Antrag  Ledebour  gegen  die
Stimmen  der  beiden  soz.  Gruppen  abgelehnt.

24.  April—1.  Mai.  (Reichstag,  Hauptausschuß.)  Heeresetat
(Rüstungsstreiks).  Marineetat.  Ausw.  und  kriegspolitische  Lage.

Zum  Heeresetat  liegt  ein  Antrag  Dr.  Cohn  (Soz.  Arb.)  vor,  einen
besonderen  Ausschuß  einzusetzen,  der  in  ständiger  Verbindung  mit  dem
Reichskanzler  die  Kriegsführung  und  die  Verwaltung  der  besetzten  Gebiete
überwacht.  Zu  Beginn  der  Sitzung  gibt  der  preuß.  Kriegsminister  v.  Stein
vertrauliche  Auskunft  über  die  Kämpfe  an  der  Westfront,  rühmt  den  Heldenmut
  der  Truppen  und  betont  die  Pflicht,  Munition  und  Material  ohne
Störung  weiter  zu  liefern.  Im  Hinblicke  auf  die  gute  Stimmung  der
Truppen,  die  sich  sehr  gut  geschlagen  haben,  drückt  der  Minister  die  volle
Zuversicht  aus,  daß  die  Offensive  der  vereinigten  Feinde  ihr  Ziel  nicht
erreichen  werde,  während  die  deutsche  Sache  gut  stehe.  Der  Antrag  der
Soz.  Arb.  wird  vom  Kriegsminister  (am  25.)  entschieden  abgelehnt,  er
laufe  auf  Errichtung  eines  parlament.  Kriegsrates  hinaus,  einer  Einrichtung,
die  sich  als  völlig  unwirksam  erwiesen  habe,  wo  sie  geschaffen  worden  sei.

Auch  die  Vertreter  der  bürgerlichen  Parteien  äußern  sich  durchaus
ablehnend.

Abg.  Schulz-Erfurt  (Soz.)  erklärt,  er  wolle  sich  nicht  jedes  Wort  der
Begründung  des  Antrags  zu  eigen  machen,  aber  etwas  Berechtigtes  liege
in  dem  Antrag,  es  handle  sich  nicht  um  eine  Beeinflussung  der  Technik
der  Kriegsführung,  sondern  um  die  politische  Seite.  Jedenfalls  sollten  nicht
solche  Kreise  darüber  spotten,  die  selbst  in  allerhand  Konventikeln  Einfluß
auf  den  Gang  der  Ereignisse  zu  gewinnen  versucht  haben.

Abg.  Erzberger  (Ztr.)  betont  (am  26.),  der  berechtigte  Kern  des  Antrags
  sei  bereits  herausgeschält  durch  die  Befugnisse,  die  für  den  Hauptausschuß
  errungen  worden  seien.

Bezüglich  des  Streiks  unter  den  Rüstungsarbeitern  erklärt  Abg.
Schöpflin  (Soz.),  er  schließe  sich  vollinhaltlich  allen  denen  an,  die  diess
Streiks  verurteilen.  In  einer  Zeit  furchtbarsten  Kampfes  um  die  Existenz