144 Beutsches Neich. (Februar 20.—22
daß einer der Arbeiterbeisitzer aus den wirtschaftsfriedlichen Organisationen
entnommen werde, dadurch erscheine die Parität wenigstens einigermaßen
gewahrt. Als Hauptfrage bezeichnet der Minister, wie wir dem Handel,
der Industrie, unserm gesamten Wirtschaftsleben nach dem Kriege
werden aufhelfen gegen die Schädigungen, welche ihnen insbesondere die
fast durchweg völkerrechtswidrigen Maßnahmen Englands zugefügt haben.
Unser hauptsächliches Kriegsziel im Wirtschaftsleben muß es bleiben, daß,
wir unserem Handel und unserer Industrie im Auslande die volle Gleichberechtigung
erkämpfen, die Meistbegünstigung in dem Sinne, daß der
Deutsche im Auslande dasselbe Recht auf wirtschaftliche Betätigung hat,
als das betreffende Ausland irgend einem anderen einräumt. Für die erste
Zeit nach dem Kriege ist angesichts der Erschöpfung der Rohstoffquellen im
Inlande und bei dem Mangel an ausländischen Zahlungsmitteln für Lieferungen
aus dem Auslande für eine gute Uebergangswirtschaft zu sorgen,
zumal es an Gegenforderungen an das Ausland fehlt. Ueber die außergewöhnlichen
Zustände muß dem Handel und der Industrie des Inlandes
planmäßig hinweggeholfen werden. Zu alledem ist ein gewisses staatliches
Eingreifen nötig und dazu ist der Kommissar für Uebergangswirtschaft
mit seinen Ratgebern bestellt worden. Zunächst beschäftigt er sich nur
mit der Rohstoffbeschaffung, insbesondere für den Schiffsbau. Daher sind
seine Ratgeber zunächst ausschließlich aus den Kreisen derjenigen gewählt
worden, die auch im Frieden mit derartigen Dingen zu tun hatten. Wenn
es sich darum handelt, die Sachen für den inländischen Bedarf zu. verteilen,
so werden auch die Arbeiter und Handwerker heranzuziehen sein. Seine
beste Aufgabe wird es sein, seine Tätigkeit wieder einzustellen, sobald normale
Zustände wieder eingetreten sind und dem Handel und Gewerbe wieder
Bewegungsfreiheit gegeben werden kann. Durch eine derartige Reglementierung
darf man aber unserem Wirtschaftsleben nicht mehr Schranken auferlegen,
als unbedingt nötig ist. Das Nebeneinanderarbeiten von Arbeitgebern
und Arbeitnehmern, Industrie, Landwirtschaft, Handel und Handwerk
aufrecht zu erhalten, bleibt nach wie vor Aufgabe der Gesetzgebungen der
Verwaltung, wie es vor dem Kriege gewesen ist. Einer weiteren Einschränkung
könnte ich nicht zustimmen. Im allgemeinen haben wir nicht
die geringste Ursache, von der Wirtschaftspolitik, die wir seit 10 Jahren
verfolgen, abzugehen, denn die Erfolge, die wir seit diesen 40 Jahren damit
erzielt haben, sprechen besser für die Güte des Systems als alle anderen
Argumente. Optimismus ist gut, wenn man ihn versteht als Zutrauen des
Volkes auf sich selbst, auf das deutsche Volk und auf die gute Sache, er
muß aber auch verbunden sein damit, daß man sich vorsieht für alle Fälle,
insbesondere in bezug auf das, was man von anderen erwartet.
Abg. Hué (Soz.): Es wird heute weit über die bewilligten Ausnahmen
hinaus die Arbeitskraft der Frauen und Jugendlichen ausgebeutet.
Das Schlimmste ist dabei, daß sich in den maßgebenden Kreisen immer mehr
eine Stimmung entwickelt, die darauf hinausgeht, die ietzigen Ausnahmezustände
auch nach dem Kriege als normale beizubehalten. Die Erklärung
der Regierung, daß das nicht geschehen solle, besagt für mich demgegenüber
wenig. Die Gewerkschaften sind sich einig in der Forderung gleicher Bezahlung
von Männern und Frauen bei gleicher Leistung. Der Krieg treibt
einen ungeheuren Raubbau mit unserer Volkskraft. Wir sollten uns weniger
auf die Ausfuhr stützen als Innenkolonisation treiben. Damit komme ich
auf die Ausführungen des Abg. Beumer. Was für einen Eindruck muß diese
Annexionsrede im Vergleich zu den authentischen Erklärungen über den
Friedenswillen der Regierung im neutralen und feindlichen Ausland machen.
Wenn irgendwo das Ansehen Deutschlands in der Welt, der ehrliche Friedens-