Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1916 (3)

seitdem  ist  Westpreußen  unser  nach  jedem  heiligsten  Rechte;  denn
was  dort  gedeiht  von  Recht  und  Wohlstand,  von  Bildung  und
guter  Menschensitte  ist  deutscher  Hände  Werk.  Und  abermals  sah
Königsberg  den  flüchtigen  Hof  eines  bedrängten  Hohenzollern  in
seinen  Mauern;  und  abermals,  doch  herrlicher  als  in  den  Tagen
des  Großen  Kurfürsten,  erwuchs  dem  wankenden  Staate  frische  Kraft
aus  der  Liebe  seines  Volkes.  Derselbe  Königsberger  Landtag,
der  vormals  oft  die  Polen  zu  Hilfe  gerufen  wider  seinen  deutschen
Fürsten,  wagte  jetzt  die  erste  Tat  unseres  Freiheitskrieges,  und
das  schwarze  Kreuz  des  Landwehrmannes  zierten  schönere  Kränze
als  jene,  die  einst  das  schwarze  Kreuz  des  deutschen  Herrn  geschmückt.
  Damals  hat  das  neue  Deutschland  des  Mittelalters  dem
Mutterlande  die  alte  Wohltat  dankbar  heimgezahlt.

Als  ein  Nachklang  jener  hochaufgeregten  Tage  begann,  gefördert
  von  den  Spenden  des  gesamten  Landes,  der  Wiederaufbau
der  alten  Meisterfeste:  —  ein  bedeutsamer  Wink  für  den  Historiker,
der  die  Herzensgeheimnisse  einer  Epoche  am  sichersten  aus  ihrer
historischen  Sehnsucht  errät.  Und  —  wie  um  den  verzweifelten
Trübsinn  Lügen  zu  strafen,  der  unserer  Zeit  die  Kraft  des  Schaffens
  abspricht  —  dem  Meisterschlosse  gegenüber  spannen  heute  die
Brücken  von  Dirschau  und  Marienburg  ihr  Joch  über  den  gezähmten
  Strom,  echte  Werke  der  modernen  Welt.  Allerdings  ein
neues  Leben  ist  in  dieser  Grenzerwelt  erwacht.  Wohl  zeigte  sich
zuweilen  in  dem  Blute  des  schwer  lenksamen,  herb  urteilenden
Volkes  noch  ein  Tropfen  von  dem  alten  Eidechsengifte;  doch  in
den  Parteikämpfen  dieses  Jahrhunderts  hat  der  selbstbewußte  Rationalismus
  der  Altpreußen  jederzeit  ein  notwendiges  Gegengewicht
gebildet  gegen  die  Mächte  des  Beharrens.  Der  erste  Burggraf
des  neuerstandenen  Meisterschlosses  war  Heinrich  Theodor  von
Schön,  der  liberale  Kantianer.

Dem  Preußen  ziemt  es  nicht,  sich  selbstgefällig  an  dem  Glücke
der  Gegenwart  zu  weiden.  Denn  noch  sind  die  Schätze  der  Provinz
  nicht  zur  Hälste  gehoben;  noch  ist  der  Wohlstand,  der  das
Land  vor  dem  Tannenberger  Tage  schmückte,  bei  weilem  nicht

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