Metadata : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1860. (51)

Des  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  Anfang.)  283

2.  Dazu  macht  die  „Kreuzzeitung“  ein  starke  Einschränkung:  Wenn
man  auch  insofern  von  einem  Erfolge  der  Regierung  sprechen  könnte,  als
die  Forderungen  der  Militärverwaltung  ohne  wesentliche  Einschränkungen
angenommen  worden  seien,  so  sei  es  doch  unzweifelhaft,  daß  durch  die  ganze
Art  der  Erledigung  der  Vorlage  ihre  Autorität  gelitten  habe.  Entscheidend
sei,  daß  wir  mit  der  jetzt  beliebten  Methode,  die  finanziellen  Bedürfnisse
des  Reiches  zu  befriedigen,  eine  abschüssige  Bahn  betreten,  ja  man  könne
sagen,  die  verfassungsmäßigen  Grundlagen  unseres  Staatswesens  verlassen
hätten.

3.  Die  „Konservative  Korrespondenz"“  macht  der  Reichsregierung
wegen  der  Annahme  des  Besitzsteuerkompromisses  die  heftigsten  Vorwürse:
„Nichts  kann  wohl  drastischer  die  voraussichtliche  Stellung  des  Bundesrats
beleuchten  als  das  begeisterte  Lob  der  Sozialdemokratie,  welche  sich  schon
in  vollem  Zuge  erblickt,  die  einzelstaatliche  Selbständigkeit  zugunsten  der
demokratischen  Konventsherrschaft  des  Reichstags  dauernd  zu  untergraben
und  aufzuheben.  Daß  dabei  die  konservative  Fraktion  nicht  folgen  konnte,
sondern  mit  aller  Energie  Protest  erheben  mußte,  ist  klar.  Daß  aber  die
Reichsleitung  sich  auf  diesem  Wege  ohne  jede  Energie  eigenen  Wollens  drängen,
daß  sie  die  Grundlagen  unseres  Reiches  ohne  ernsthaften  Widerstand  allmählich
  gefährden  läßt,  —  das  ist  ein  trauriges  Zeichen  dieser  Zeit.“

4.  Im  Interesse  der  Einzelstaaten  klagt  die  „Deutsche  Tageszeitung“:
  „Die  Regelung  des  Besitzsteuergesetzes  bedeutet  tatsächlich  und
unbestreitbar  eine  mächtige  Erweiterung  des  Reiches  und  des  Reichstags
gegenüber  den  Bundesstaaten.  Sie  bedeutet  ferner  eine  überaus  bedenkliche
und  gefährliche  finanzielle  Schwächung  der  Einzelstaaten.  Der  Bundesrat
hat  nicht  die  erforderliche  Widerstandskraft  bewiesen;  die  Parteien  sind  mit
Ausnahme  der  rechtsstehenden  kühl  und  leichtherzig  über  diese  Bedenken  hinweggegangen.
  Wer  diese  und  noch  andere  ähnliche  Erscheinungen  unbefangen
betrachtet,  der  wird  zugeben  müssen,  daß  das  Reich  sich  auf  einer  abschüssigen
Bahn  befindet.“

5.  Noch  schärfer  urteilt  der  „Dresdner  Anzeiger“:  „Viele  Armeekorps
  wiegen  die  schädlichen  Wirkungen  dieses  Kompromisses  nicht  auf,  und
zwar  um  so  weniger,  als  die  Annahme  dieses  Kompromisses  einen  Sieg
des  demokratischen  Gedankens  im  Reich,  einen  Sieg  des  politischen  Opportunismus
  und  eine  grundsätzliche  Niederlage  des  Autoritätsgedankens,  eine
Ausschaltung  des  Bundesrats  als  Sicherheitsventils  und  eine  Degradierung
der  Einzelstaaten  zu  Verwaltungsprovinzen  des  Reiches  bedeutet.  Diese
Niederlage  der  Reichsregierung,  die  sich  auch  im  letzten  Augenblick  noch
Forderungen  der  Sozialdemokratie  fügte,  kann  in  alle  Ewigkeit  nicht  wieder
gutgemacht  werden,  und  wenn  sie  bei  späteren  Attacken  der  demokratischen
Mehrheit  des  Reichstags,  wenn  keine  Heeresvorlage  auf  dem  Spiele  steht,
auch  mehr  Rückgrat  und  Widerstandskraft  als  in  diesen  letzten  Wochen
zeigen  sollte.“

6.  Den  Hergang,  der  den  Aerger  der  Konservativen  erklärt,  faßt  die
„Tägliche  Rundschau“  kurz  zusammen:  „Die  Regierung  hatte  offenbar
mit  einer  Erledigung  der  Deckungsvorlage  unter  konservativ-klerikaler  Führung
unter  Anschluß  der  Nationalliberalen  und  eines  Teils  der  Freisinnigen  gerechnet.
  Die  Konservativen  erwiesen  sich  aber  für  diese  Führerrolle  nicht
geeignet,  da  sie  zu  keinerlei  Zugeständnissen  bereit  waren  und  ihre  Position,
die  durch  die  Freundschaft  mit  dem  Zentrum  wie  durch  die  Regierung  selbst
gestärkt  schien,  überschätzten.  Sie  waren  durch  die  unglückselige  Opposition
gegen  die  Erbanfallsteuer  förmlich  hypnotisiert  und  glaubten,  daß  sich  die
Nationalliberalen  doch  zu  ihnen  finden  und  sich  ihren  Wünschen  beugen
müßten.  Da  setzten  die  Nationalliberalen  unter  der  sehr  geschickten  Führung