Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1917 (4)

Die  deutsche  Schweiz  in  ihrem  Verhältniß  zu  Deutschland.  271

viele  Mühe  zu  geben,  derselben  auch  eine  solide  Stütze  und  Basis
zu  verschaffen.  So  entstanden  nach  und  nach  Zustände,  bei  denen
kein  vernünftiger  Mensch,  auch  wenn  er  nach  der  Sprache  dieser
großen  Republikaner  ein  „Fürstenknecht“  war,  seine  „Knechtschaft“
gegen  ihre  republikanische  Freiheit  hätte  umtauschen  wollen.  Daß
dieses  Urtheil  sich  nur  auf  die  Bevölkerung  im  ganzen  und  großen,
auf  den  Durchschnitt,  nicht  auf  die  Gebildeten  sich  bezieht,  ist  natürlich.
  Nur  möge  man  zu  den  Bildungsmitteln  weniger  die  französischen
  Pensionen  als  gründliche  deutsche  Wissenschaft  rechnen.  Diese
republikanische  Gedankenlosigkeit,  mit  all  ihren  nationalen  und  internationalen
  Untugenden,  wurde  genährt  und  gehätschelt  von  einer
Presse,  die  vielfach  nicht  in  den  besten  Händen  war.  Es  waren  dabei
manche  vaterlandslose  Deutsche  betheiligt,  wie  wir  solche  auch  in
Wien,  sogar  im  Ministerium  angetroffen  haben.

Der  Ausgang  des  deutsch-französischen  Krieges  war  nicht  nach
dem  Geschmack  dieser  Leute.  Zu  den  alten  Sympathien  für  Frankreich
  kam  nun  noch  das  Zauberwort  „Republik“.  Die  Tapfersten
wollten  sogleich  mobilisiren  und  einen  republikanischen  Kreuzzug,
wohl  mit  ein  bischen  Commune  und  Internationale  vermischt,  organisiren.
  Jal  wenn  sie  nur  gewußt  hätten,  wie  es  mit  dem  fatalen
  „Vorangehen“  wäre!  Der  Bundesrath  blieb  kühl  und  that
seine  Schuldigkeit.  Aber  wie  stand  es  jetzt  mit  der  groß  angestaunten
  Firma  und  dem  verachteten  heruntergekommenen  Geschäftshaus?
  Dies  war  der  ungebildeten  Menge  zu  viel.  Daß  sie  dieses
Deutschland,  welchem  jeder  elende  Schuft  bei  einem  Glas  Bier
glaubte  einen  Fußtritt  geben  zu  können,  nun  als  eine  Macht,  als
die  erste  Macht  in  Europa,  als  eine  Macht,  die  nicht  bloß  im  Militärwesen
  und  in  der  Wissenschaft,  sondern  auch  im  volkswirthschaftlichen
  Leben  alle  anderen  Staaten  hinter  sich  ließ,  ansehen
mußten;  daß  sie  mit  dieser  Macht  nun  in  allen  Fragen  des  staatlichen
  Verkehrs  rechnen,  um  ihre  Freundschaft  sich  bewerben  mußten,
das  war  es,  was  viele  nicht  verwinden  konnten.  Den  Nachbar
mittleren  Standes,  welcher  lange  gewohnt  war,  neben  einem  Palast
zu  wohnen,  ärgert  ja  nichts  so  sehr,  als  wenn  sein  Gegenüber,  bei
welchem  es  früher  etwas  knapp  hergieng,  durch  unausgesetzte  stille
Thätigkeit  sich  plötzlich  aufschwingt  und  statt  des  bescheidenen  Häuschens
  ein  schloßartiges  Gebäude,  solid  und  komfortabel  eingerichtet,
herstellt.  So  kam  der  9.  März.  In  Züdiich,  dem  schweizerischen