Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Das  war  die  Lage,  als  der  Auebruch  der  russischen  Reoolution  die  inner--politische
  Spannung  auf  dle  Spltze  trieb.  Bethmann  gab  im  Berlauf  der  erregten
  Reschstagedebatten  des  Märzendes  die  Erklärung  ab,  elne  gesetzgeberische
Reformaktion  könne  erst  für  einen  Zeitpunkt  in  Auesicht  gestellt  werden,  wo  sle
„die  zur  Abwehr  des  äußeren  Feindes  erforderliche  innere  Geschlossenheit  nicht
bedrohe“.  Später  aber  machte  die  Reglerung  der  Mehrheitsstimmung  und
dem  Willen  des  Reichstages  nach  Machtzuwachs  eine  erste  große  Konzession.
Sie  bewllligte  dle  Einsetzung  eines  „Verfassungsausschusses“  zur  Bearbeitung
des  Fanzen  Gebietes  der  Inneren  Reformen.  Als  der  Ausschuß  im  Mai  feine
Arbeit  begann,  zeigte  sich  erst  dle  ganze  Tragwelte  dieses  Schrlttes.

Inzwischen  brachten,  neben  der  russischen  Revolution,  auch  die  Ernährungsverhältnisse
  eine  weitere  Verschärfung  der  inneren  Lage.  Am  15.  April  mußte
das  Kriegeernährungsamt  zu  einer  Verringerung  der  Brotratlon  schrelten  bei
gleichzeitiger  unbedeuten  der  Erhöhung  der  Fleischration.  Strelte  und  Unruhen,
von  der  Fernwirkung  der  russischen  Reoolution  entfacht,  von  der  Nahrungenot
geschürt,  brachen  an  vielen  Stellen  Deutschlande  und  auch  Osterrelchs  aus.

Zn  dieser  Not  griff  Bethmann  zu  dem  Aushllfemittel,  dem  Kalser  eine
Kundgebung  anzuraten,  welche  das  sinkende  Vertrauen  neu  beleben  sollte.

So  entstand  die  Kaiserliche  Ofterbotschaft  vom  7.  April.  Sie  versprach
  „bel  Erneuerung  wichtiger  Teile  unseres  festgefügten  und  sturmerprobten
Staatswesene  einem  treuen,  tapferen,  tüchtigen  und  hochentwickelten  Volk  das
Vertrauen  entgegenzubringen,  das  es  verdient“,  beauftragte  den  Reichskanzler,
bestimmte  Vorschläge  für  die  Umblldung  des  preußlschen  Landtages  oorzulegen,
und  sprach  das  gewichtige  Woct  aus:

„Nach  den  gewaltigen  Leistungen  des  ganzen  Molkes  in  diesem  furchtbaren  Kriege
ist  nach  melner  Überzeugung  für  das  lalsenwaah  lr#cht  n  Preußen  ketn

aum  mehr.  Der  Gesetzentwurf  wird  serner  die  unmittelbare  und  geheime  Wahl
der  Abgeordneten  vorzusehen  haben.“

Nach  Bethmanne  Auffassung  ist  die  Wirkung  der  Osterbotschaft  die  gewesen,
daß  sie  „die  Krone  noch  einmal  zur  Führerin  gemacht  hat“.  Sie  habe  wesentllch
dazu  beigetragen,  die  Gewerkschaften  zur  Herbeiführung  einer  schnellen  Beendlgung
  der  Aprilstreike  zu  oeranlassen  und  dle  schwere  Gefährdung  zu  überbrücken,
welche  durch  dle  russische  Revolution,  den  Eintritt  Amerikas  in  den  Krleg  und
die  Erschwerung  der  Lebensmitteloersorgung  entstanden  war.

Ludendorff  ist  anderer  Ansicht.  Der  Zusammenhang  der  Osterbotschaft
mlt  der  russischen  Nevolution,  meint  er,  sel  zu  offensichtlich  gewesen.  Sle  habe
zwar  „enge  Volkskreise“  —  will  sagen  die  vielen  Millionen  des  Proletarlate
und  innerhalb  des  Bürgertums  die  fortschrittlich  gesinnten  Gruppen  —  befrledigt,
  außer  ihnen  aber  nur  den  Feind,  der  mit  Genugtuung  die  Ursache  erkannt
baben  werde:  die  Angst  oor  der  Revolution.  Die  Entente  habe  folgern  müssen:
der  Umsturz  in  Deutschland  wird  kommen  —  also  ausharren  und  schüren!

Die  eine  Auffassung  hat  sooiel  innere  Wahrschelnlichkelt  für  sich  wie  die
andere.  Luden  dorff  hat  recht,  wenn  er  ausführt,  daß  in  Kriegszeltläuften  auch
die  lnneren  Fragen  durch  die  Rücksicht  auf  den  Feind  beherrscht  und  geleltet
werden  müssen.  „Drängen  sich  die  innerpolitischen  Verhältulsse  lmmer  schärfer
beroor,  dann  beginnt  die  Kriegefählgkeit  elnes  Volkes  zu  sinken.“

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