Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

langem  vorschwebte.  Unmitteldar  darauf  erhlelt  die  Flottenleltung  den  Befehl
der  Seekriegführung:  „Hochseestreitträfte  sollen  zum  Angriff  und  Schlagen
gegen  englische  Flotte  angesetzt  werden.“  Geplant  war  ein  großer  Vorstoß
wider  den  englischen  Kanal  unter  Mitroirkung  der  sämtllchen,  ja  nun  frei  gewordenen
  U-Boote.  Am  28.  Oktoder  war  die  gesamte  Hochseeflotte  auf  der
Wilhelmshavener  Außenreede  versammelt.  Sie  stand  unter  der  Führung  des
Admtrals  v.  Hlpper,  der  del  Skagerrak  die  leichten  Kräfte  geführt  hatte.  Die
beiden  Waffengefährten  der  einzlgen  großen  Seeschlacht  des  Weltkrlegee  waren
einig  in  dem  Gedanken:  dle  Lage  unseres  Vaterlandes  bei  den  Friedensverhandlungen
  könne  keine  bessere  Unterstützung  erbalten  als  durch  einen  großen  Seesieg
  über  England.

Da  brach  unter  den  Mannschaften  der  Hochseeflotte  plötzlich  die  längst  vordereitete
  Meuterel  aus.  Ihre  Rädeleführer  Hatten  das  Gerücht  ausgestreut:  die
Offizlere  nähmen  destimmt  an,  daß  England  dei  den  bevorstehenden  Friedens--verhandlungen
  die  Auslieferung  der  Flotte  fordern  wer  de.  Ihre  „verstiegenen
Ehrdegriffe“  würden  lbnen  die  Pflicht  auflegen,  lieber  den  ehrenvollen  Untergang
  der  Flotte  im  Kampf  gegen  die  englische  Udermacht  zu  suchen.  Oabei
scheuten  sie  nicht  davor  zurück,  mit  lhrem  eigenen  Leben  auch  das  lhrer  ahnungslosen
  Mannschaften  zu  opfern  ...

Und  noch  eine  andere  Lüge  spukte  in  den  Köpfen  der  Matrosen:  man  hatte
ibnen  eingeredet,  auch  auf  den  feindlichen  Krlegsschlifen  sel  die  Mannschaft
zum  Umsturz  berelt,  nur  um  den  Krieg  um  jeden  Preie  zu  beendigen.  Im
Augenblick,  da  am  Maste  der  deutschen  Krlegsschiffe  die  rote  Fahne  erschiene,
würden  die  „Kameraden  da  drüben“  das  gleiche  Zelchen  hlssen

Als  der  Befehl  zum  Auslaufen  erteilt  wurde,  versagte  die  WMannschaft
den  Dienst  —  die  Heizer  rissen  die  Feuer  aus  den  Kesseln.  Noch  einmal  gelang
es,  die  Meuterer  zur  Ruhe  zu  dringen.  Aber  ein  Auslaufen  war  nun  unmöglich.
Admlral  v.  Hipper  zog  dle  Flotte  auseinander,  um  sie  wieder  in  die  Hand
ihrer  Führer  zu  bringen.  Er  sandte  das  3.  Geschwader  nach  selnem  Helmathafen
Klel  zurück.  Aber  damlt  hatte  er  der  Meuterei  erst  den  rechten  Rückhalt  gegeden.
Sle  stützte  sich  nun  auf  die  große  Stadt  mit  lhrer  vieltausendköpfigen,  stark
dolschewisierten  Fabrlkardelterschaft.  Nun  schoß  der  Aufruhr  üppig  ins  Kraut.
Vom  1.  Novemder  an  hallten  die  Plätze  der  Stadt  vom  Gezeter  der  Hetzredner
wlder,  Matrosen  und  Arbelter  riefen  Arm  ln  Arm  die  Revolution  aus.  Am
J.  Novemder  wurde  ein  Leutnant,  der  selne  Patroullle  auf  Widersetzliche  schießen
ließ,  ermordet.  Der  Kommandant  des  Linlenschiffes  „König“  wehrte  sich  gegen
den  Versuch  der  Meuterer,  die  Relchskriegsflagge  durch  dle  rote  Flagge  zu  ersetzen,
  und  wurde  dadei  schwer  verwundet.  Am  folgenden  Tage  griffen  die
Matrosen  zu  den  Waffen,  um  ibre  von  der  Wilhelmehavener  Meuterel  her  gefangen
  sitzenden  Kameraben  zu  befreien.  Am  4.  November  wurden  die  ersten
Soldatenräte  gewählt,  und  an  Bord  der  Schiffe  stleg  dle  rote  Fahne  zum  Top.
Die  Meuterer  kündigten  ihren  Vorgesetzten  den  Geborsam  und  übergaden  ihre
Forderungen:  darunter  die  Freilassung  der  Meuterer  von  heute  und  von  1917—
und  dle  Absetzung  dee  Hauses  Hohenzollern!

Die  Flotte,  Wllhelins  II.  Schspfung  und  Lieblingskind,  war  die  erste,  dle
sich  offen  gegen  ihn  ampörte.

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