Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  Herbst  1915

Die  Kämpfe  am  Styr  in  der  Gegend  von  Czartoryst
  nahmen  jedoch  am  20.  Oktober  wieder  größeren
Umfang  an;  ein  lleiner  Mißerfolg  konnte  am  22.  bereits
  ausgeglichen,  der  weichende  Feind  verfolgt  werden,
  und  bis  in  die  ersten  Tage  des  November  wogte
der  Kampf  bei  den  Orten  Komarow,  Kukli  und  Rudka
mit  wechselnden  Erfolgen  hin  und  her.

Den  stärksten  Vorstoß  in  Ostgalizien  gegen  die
Armee  Bothmer  unternahmen  die  Russen  zwischen
dem  1.  und  5.  November  bei  Siemikowce  an  der  mittleren
  Strypa.  Vier  Tage  lang  wurde  hier  mit  den
andrängenden  Russen  heiß  gerungen,  die  nur  vorübergehend
  imstande  waren,  den  Ort  zu  besetzen,  aus
dem  sie  am  5.  November  endgültig  vertrieben  und
auf  das  Ostufer  der  Sirppa  zurückgeworfen  wurden.

Den  ausdauerndsten  Angriffsgeist  zeigte  jedoch  der
rechte  russische  Flügel,  der  immer  wieder  vorzubrechen
suchte,  am  2.  November  aber  an  der  Straße  Lisowo-Czartorysk,
  am  14.  bei  Podgacie  geschlagen  wurde  und
im  Anschluß  hieran  die  Stellungen  westlich  vom  Styr
aufgeben  mußte.  Dessen  Ufer  bezeichnete  den  Winter
über  die  Frontlinie  zwischen  Pinsk  und  Czartorysk.

Die  am  2.  Mai  1915  mit  dem  Durchbruch  bei
Gorlice  begonnene  große  deutsche  Offensive  im  Osten
sand  nach  überwältigenden  Erfolgen  im  November
ihren  Abschluß.  Zwischen  Riga  und  Rumänien  dehnte
sich  die  neue,  über  1000  km  lange  Front  aus,  und
weit  drinnen  in  Feindesland  wurde  der  starke  Wall
errichtet  gegen  russische  Begehrlichkeit.

7.  Der  Krieg  auf  dem  Balkan  im
Herbst  1915.

Vorpostengeplänkel  und  Artilleriekämpfe  von  wechselnder
  Stärke  füllten  Frühjahr  und  Sommer  1915
aus.  Serbien  verschob,  zu  einer  Offensive  gegen  Osterreich
  sich  zu  schwach  fühlend,  im  Mai  Truppen  nach
Albanien  mit  der  Absicht,  auf  Durazzo  an  der  Adria
die  Hand  zu  legen,  um  hier  nicht  ausgeschaltet  zu
werden,  da  Italien  und,  wie  es  schien,  auch  Griechenland
  die  Absicht  hatten,  sich  an  der  Küste  aus  zudehnen.
Infolge  des  gelungenen  Durchbruchs  durch  die  russ.
Front  zwischen  Gorlice  und  Tarnow  im  Mai  1915
und  der  daran  sich  anschließenden  allgemeinen  Offensive
  auf  der  Ostfront  gestaltete  sich  die  strategische  Lage
so  zugunsten  der  Mittelmächte,  daß  endlich  im  Spätsommer
  1915  Truppen  zur  Wiederaufnahme  des  Angriffe
  gegen  Serbien  bereitgestellt  werden  konnten.  Die

sichten  eines  solchen  hatten  sich  dadurch  ganz  wesentlich
  geändert,  daß  sich  Bulgarien  auf  die  Seite  der
Mittelmächte  gestellt  und  im  September  seine  Armee
auf  den  Kriegsfuß  gesetzt  hatte.

Die  Niederwerfung  Ferbienst.

Im  Laufe  dieses  Monats  waren  zu  einem  umfassenden
  Angriff  auf  Serbien  bereitgestellt:  1)  eine
deutsch-österreichische  Heeresgruppe  unter  General  v.
Mackensen  an  der  Nord=  und  Nordwestgrenze.  Im
einzelnen  stand  auf  dem  rechten  Flügel  an  der  Drina
bei  Visegrad  im  südöstlichen  Bosnien  eine  österreichischungarische
  starke  Abzweigung  gegen  die  montenegrinische
  Grenze;  die  Armee  LKn  an  der  Save  oderhalb
  Belgrad,  die  Armee  Gallwitz  an  der  Donau;  an
dem  unteren  Flußlauf  bei  Orsova  schwächere  Truppen,
um  die  Gegend  des  voraussichtlichen  Donauüber-1

  Val.  die  Karte  Bd.  1,  S.  232  und  die  Kriegsberichte  Bd.  .
S.  280  fl.  u.  282  ff.

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ganges  dem  Feinde  zu  verschleiern.  2)  Von  den
bulgarischen  Kräften  sond  eine  Nordarmee  unter  General
  Bojadschijeff  unter  Angliederung  an  die
Heeresgruppe  Mackensen  östlich  von  der  Linie  Zajecar-Pirot.—
  3)  Die  Masse  des  bulgarischen  Heeres,  in  drei
Armeen  gegliedert,  war  längs  der  serbischen  Ostgrenze
bei  Küstendil,  Dzumaja  und  Strumica  aufmarschiert.

Von  der  serbischen  Armee  stand  eine  etwa  250000
Mann  starke  Nordgruppe  an  der  Donau-  und  Savelinie,
  der  Rest  an  der  Ostgrenze  den  Bulgaren  am  Timok
  gegenüber.

Die  Lage  für  die  Serben,  die  von  einem  umfassenden
  Angriff  durch  überlegene  Kräfte  bedroht  wurden,
war  sehr  gefährlich.  Ein  Versuch,  die  durch  das  Hindernis
  der  Save  und  der  Donau  an  und  für  sich  sehr
starke  Nordfront  zu  halten,  war  ein  mißliches  Unternehmen,
  da  ein  Vorgehen  der  Bulgaren  die  Verteidiger
  in  rechter  Flanke  und  Rücken  ernstlich  bedrohte
und  die  Nordfront  sehr  bald  zum  Zurückschnellen  bringen
  mußte.  Sie  beschlossen  daher,  sich  bei  eintretenem

  feindlichen  übermächtigen  Angriff  im  Norden  ins
Innere  des  Landes  zurückzuziehen.  Diese  Bewegung
sollte  erleichtert  werden  durch  eigenes  Vorgehen  gegen
die  Bulgaren  über  den  Timok  hinüber.  Schließlich
wollte  man  nach  Mazedonien  ausweichen,  sich  einer
Entscheidung  dorthin  entziehen.  Hier  allein  war  Aufnahme
  und  Hilfe  zu  erwarten.

Die  Entente  hatte  sich  nämlich  entschlossen,  zur
Unterstützung  der  bedrohten  Bundeögenossen  ein  Heer
auf  den  Balkan  zu  schicken.  Ausladepunkt  wurde
Saloniki,  zum  Oberbefehlshaber  der  französische
General  Sarrail  ernannt.  Die  ihm  unterstellte
Armee  war  sehr  bunt  zusammengesetzt.  Zwei  Drittel
derselben,  die  bis  Ende  November  auf  150000  Mann

ebracht  war,  bildeten  Franzosen,  den  Rest  Engläner;

  teils  kamen  sie  von  den  Dardanellen,  wo  man
Anfang  Dezember  den  Angriff  aufgegeben  hatte,  teils
aus  dem  Mutierlande,  teils  aus  den  üÜberseeischen
Besitzungen.  Am  5.  Okt.  begannen  die  Landungen.
Die  ersten  Staffeln,  zwei  französische  und  eine  anglische
  Division,  wurden  sofort  mittels  der  Bahn  nord.
wärts  vorgefahren,  um  den  Vardar  aufwärts  die
Verbindung  mit  den  Serben  aufzunehmen;  Saloniki
selbst  wurde  stark  befestigt.  Während  sich  diese  Truppen
  noch  im  Vormarsch  befanden,  war  der  Feldzug
schon  an  der  Donaufront  eröffnet  worden.

Vom  6.—10.  Okt.  überschritten  von  der  Heeresgruppe
  Mackensen  die  Armee  Kövess  südwestlich  von
Belgrad  bei  Obrenovac  und  Sabac  und  in  Belgrad
unter  Benutzung  der  Großen  Zigeuner=  bzw.  der  Großen
  Kriegsinsel  Save  und  Donau,  die  Armee  Gallwitz
  bei  Semendria,  Dunabombo  (Insel  Temes)  und
Ram  die  Donau.  Kleinere  Abteilungen  gingen  bei
Lomiza  über  die  Drina.  Dank  der  guten  Vorbereitungen
  und  der  gelungenen  Verschleierung  des  Uferwechsels
  forderten  die  beim  üÜbergang  sich  entwickelnden
  Kämpfe  nur  geringe  Opfer;  hartnäckigen  Widerstand
  leisteten  die  durch  überwältihenden  Artilleriefeuer
überraschten  Serben  nur  in  Belgrad  selbst.  Nach
Verlust  der  Donaulinie  wich  die  serbische  Armee  in
eine  Verteidigungsstellung  aus,  deren  rechter  Flügel
sich  auf  das  befestigte  Pozarevac  stützte,  von  dort  über
die  untere  Morawa  nach  der  unteren  Kolubara  hinzog
undihren  linken  Flügel  in  Obrenovachatte;eine  zweite,
tief  gegliederte  Linie  war  in  dem  Gelände  zwischen  der
Donau  und  dem  Morawa-Abschnitt  Cacal-Kraljewo-Krusevac
  vorbereitet.  Die  Stellung  setzte  sich,  wenn
auch  nur  in  einzelnen  Werken,  in  dem  Gelände  zwi-5