192 Uebersicht der Ereignisse des Jahres 1860.
Vaterland stützen und auf seine Kühnheit wie auf seinen schnellen richtigen
Blick verlassen. Seine kleine Truppe war für ihn begeistert, ihm
ohne Rückhalt ergeben. Zunächst blieb ihm aber nichts anderes übrig,
als die königlichen Truppen zu beunruhigen, dieselben bald da bald dorthin
zu locken, jeden theilweisen Vortheil zu einem raschen Schlage zu benützen,
der Uebermacht nicht selten auf fast unwegsamen Fußpfaden auszuweichen
und den Gegner zu ermüden, um am Ende mit einem Schlag
in Palermo selbst einzudringen und hier den entscheidenden Kampf zu versuchen.
Das that er vom 15. bis zum 25. Mai. Am 26. hielt er
Kriegsrath in Misilmeri: es wurde beschlossen, am folgenden Tage Palermo
anzugreifen; die Bewohner waren einverstanden, allabendlich hatten sie
die Bivouakfeuer der Insurgenten auf den Anhöhen beobachtet, mit Eifer
der Ankunft des Befreiers entgegensehend. In der Nacht machte seine
kleine Schaar den mühsamen Marsch von Misilmeri über den Gabel
Rosso; am Morgen mit Tagesanbruch standen sie vor der Porta Termini
von Palermo.
Die königliche Gewalt in Palermo war gegen einen Angriff, wie
man denken mußte, mehr als hinreichend gerüstet. General Lanza hatte
das Fort und alle festen Punkte der Stadt besetzt, gebot über ein Armeecorps
von etwa 25,000 Mann, worunter der Rest der Schweizertruppen
unter General von Mechel, mit 48 Geschützen, und im Hafen lagen
kampfbereit 8 neapolitanische Kriegsschiffe. Dieser Macht hatte Garibaldi
nur etwa 4 oder höchstens 5000 Freiwillige entgegen zu setzen. Dennoch
ließ er sofort die Porta Termini angreifen; sie wurde ohne großen Widerstand
genommen und besetzt. Dann drangen die Schaaren Garibaldis
weiter und in die Stadt selbst ein. Das erste Knallen der Gewehre
hatte die Bevölkerung davon unterrichtet, daß Garibaldi da sei und daß
der entscheidende Kampf begonnen habe. Alsbald erhob sich die ganze
Stadt mit dem lauten Ruf: Es lebe Italien! Es lebe Garibaldi! und
wurden auf allen Thürmen die Sturmglocken gezogen. Ueberall in den
Straßen erhoben sich Barrikaden. Bis um Mittag war bereits mehr als
die Hälfte der Stadt in den Händen Garibaldis: das Militär blieb theils
in den festen Positionen, die es eingenommen hatte, theils zog es sich
bald dahin zurück. Aber um 10 Uhr Vormittags begann die Citadelle,
um 12 Uhr auch die Schiffe im Hafen, die Stadt zu bombardiren und
fuhren damit den ganzen Tag und die ganze Nacht fort; erst am folgenden
Tage (28. Mai) Morgens stellten die Kriegsschiffe das Feuer ein,
mäßigte es wenigstens die Citadelle. Ein großer Theil der Stadt war