Contents : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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Die  Tochter  hielt  nachdenklich  in  ihrer  Hantie—
rung  an.

„Lichter  —  ja  der  Name  paßt  auch!“  sagte  sie
lebhaft.  „Nein,  durch  und  durch  ging  einem  das,
wie  das  Tier  einen  angesehen  hat!“

„Angeäugt,“  murmelte  Beethman  in  Erinnerung
an  seinen  Leutnant,  wieder  pflichtschuldigst  und
nicht  ohne  Selbstzufriedenheit,  hielt  es  aber  nicht
für  der  Mühe  wert,  das  Mädchen  nochmals  zu  ver—
bessern.

So  ging  Marieken  bald  wieder
Gedanken  nach,  die  rasch  von  dem  gequälten  Wild
auf  Näherliegendes  übersprangen.

Das  war  nun  gut  zwei  Wochen  her.

Aus  dem  naßkalten  Nebel  jenes  Spätnachmittags
hatten  sich  Vorreiter  des  Winters  losgerungen.
Auch  heute  abend  schlug  der  Sturm  schmetternd
die  Wogen  an  den  Strand  und  lärmte  in  den  klei—
nen  Schornsteinen  der  Vitter  Hütten.

Dazu  klatschte  der  Regen  unheimlich  gegen  die
Fenster.
Marie  hatte  große  Flicken  in  ihres  Vaters

dunkelblaue  Flanelljacke  gesetzt,  und  beeilte  sich,  die
„Nachtkost“  auf  den  Tisch  zu  bringen;  denn  nach
dem  Abendimbiß  arbeitete  sie  für  sich.  —  Sie
wolle  sich  „all  ihr  Zeug  doch  mal  gründlich  zurecht
  machen,“  erklärte  sie,  wenn  in  dieser  Zeit  jemand
  mit  irgend  einem  mehrsagenden  Lächeln
fragte,  was  sie  denn  so  eifrig  ihre  Wäsche  in  Ordnung
  bringe?

Da  sie  nicht  nur  an  ihren  Sachen  nähte  und
flickte,  sondern  auch  in  Spitzen=  und  Kantenhäkelei

große  Kunstfertigkeit  entfaltete,  konnte  sie  es  in
kindlichem  Vergnügen  kaum  abwarten,  bis  zum

letztenmal  am  Tage  der
tisch  abgeräumt  war.

„Halt  bloß  auf,  Miele!“  sagte  sie  zur  Schwester,
  die  sich  unter  ihrer  Leitung  auf  der  neben,  den
Tisch  ger  #ckten  Nähmaschine  übte.  „Pack  alles  über
Seit!  Hier  must  du  runter!“  Und  schon  hatie  sie
Brot  und  Butter,  den  „Stippmilch“  benannten  weißen
  Käse,  Syrup  und  einen  Rest  gebratenen  Fisches
aus  dem  Schrank  genommen.

„Und  ihr  müßt  auch  vom  Tisch  mit  eurem
Schulkram,  Jungens!“

Jetzt  ließ  sich  ein  gröhlendes  Lachen  hören.
„Ich  bin  doch  man  einer  Woran  Marieken
woll  wieder  denkt?“

„Bist'n  Döskoppl
der  is?“

„Bei  Fritze  Strohmeyern,  sich  das  Rechnen  holen!"


Marieken  war  wirklich  zerstreut,  sonst  hätte  sie
besorgt  gefragt,  ob  August  sich  wenigstens  beim
Hinausgehen  seine  Hose  umgekrempt  habe.

Plötzlich  horchte  sie  auf.

„Da  is  er  schon!“  sagte  sie,  eben  im  Begriff
aus  dem  Ofenloch  die  auf  einem  Dreifuß  thronende
eiserne  Kaffeekanne  zu  holen.

Obgleich  der  Kaffee  überzukochen  drohte,  ließ  sie

große,  rotgestrichene  Eß-Sag

  lieber,  wo  August  wie-AUnser

  Pommerland:

ihren  eigenen

ihn  noch  im  Feuer  stehen  und  ging  auf  den  kleinen
lehmgedielten  Hausflur  hinaus.

Wie  es  hier  erst  tobtet

Man  hörte  die  See  deutlich  durch  die  dünnen
Wände  und  die  alte  wackelige,  in  der  Mitte  durchgeleilte
  Haust  r  brüllen.

Und  nicht  genug  damit!  So  viel  sonderbare
Nebengeräusche  waren  heute  abend  zu  hören!  Bald
knackte  es  hier,  bald  pfiff  und  klapperte  es  dort.

Und  das  war  nicht  einmal  das  Schlimmste.
Fortwährend  seufzte  es  irgendwo.

Marie  machte  vorsichtig  die
Haust  ir  auf.  Eisiger  Regen  peitschte  ihr  ins  Gesicht.
  Von  August  war  nichts  zu  hören!

Aber  hinter  ihr  seufzte  es  schon  wieder.  Sie
fuhr  zusammen  und  wagte  nicht,  rach  rückwärts  zu
treten.

sich

„Starke  Gedanken!“
Lippen.

Einen  Augenblick  preßte  sie  sich  mit  aller  Gewalt
  gegen  die  Wand,  als  könne  das  sie  beruhigen.

So  halte  er  sich  lange  nicht  „gemeldet“!

„Mein  Jung!  Mein  Jung!  —  Bloß  kein  Havarie!
  —  Komm  mir  bloß  lebendig  wieder  an
Haus!  —  Gott  im  Himmel,  laß  Malte  Pipern  wieder
  an  Haus  kommen!“

Er  hatte  ihr  nicht  ein  einzigesmal  geschrieben,
und  sie  hatte  auch  keinen  Brief  erwartet.  Wäre  das
ein  Gerede  gewesen  in  dem  kleinen  Dorf!  Wenn
die  Menschen  so  in  zehn  Häusern  zusammen  wohnen,
  ist  alles  wie  eine  große  Familie  und  Malte
mochte  keinen  „Familientratsch"“  Besonders  Gustavs
wegen;  denn  er  kannte  im  Grunde  recht  gut  seines
Bruders  Wünsche  und  Gedanken,  so  wenig  er  sich
auch  darüber  ausließ.

Aber  in  zwei  Monaten  mußte  er  hier  sein.
Möglich  wars  ja  auch,  daß  er  schon  früher,  daß
er  bald,  sehr  bald  kam!  Schon  heute  oder  morgen,
wenn  sie  besonderes  Glück  mit  der  Rückfracht
gehabt  hatten!

„Herr  Gott,  laß  seine  „starken
aus  dem  Unglück  kommen!“

Es  gab  ja  auch  „starke
und  der  Sehnsucht.  —

Marie  trat  in  die  Stube  zurück.  Wieder  sah  sie
verdutzt  um  sich.

Da  zischte  etwas!  —  Nein;  geknirscht  hatte  es!
—  Ges'nirscht,  wie  Schrauben  am  Kran,  wenn  ein
Schiff  ausgeladen  wird.  —  Vom  Ofen  kams.

Sie  kniete  vor  dem  Feuerloch  nieder  und  sah
eine  Sekunde  leis'  lächelnd  auf  den  sich  hebenden

obere  Hälfte  der

rang  es  über  ihre

Gedanken"  nicht

Gedanken“  des  Glücks

Deckel  der  Kanne.  Er  tanzte  förmlich  auf  dem
bräunlichen  Gischt  der  Zicorienbrühe.  Dann  wikkelte
  sie  ihren  Schürzenzipfel  um  die  Hand  und

langte  in  die  nur  noch  schwälende  Gllut.

„Starke  Gedanken  des  Glücks  und  der  Sehnsucht!“"
  —

Fröhlich  spiegelte  sich  auf  einmal  der  Widerschein
  geheimnisvoller  Funken  in  den  blauen  Mädchenaugen.