Full text : Handbuch des Völkerrechts Dritter Band. (3)

218  Beutsches  Reich.  (Juni  24.—26.)

die  ihm  den  Mut  nicht  nehmen.  Aus  unserer  Diplomatie  muß  der  engl.
Geist  mit  eisernem  Besen  ausgekehrt  werden.  Aus  Rußland  hätte  entschieden
noch  mehr  herausgeholt  werden  können.  Durch  all  unser  Entgegenkommen
haben  wir  uns  die  poln.  Sympathie  nicht  erwerben  können.  Die  Flamen
dürfen  ihrem  Schicksal  nicht  überlassen  werden.  Bei  der  Schroffheit  der
Gegensätze  ist  ein  Ausgleich  mit  England  unmöglich.  England  gibt  seinen
Vernichtungswillen  nicht  auf,  bevor  es  nicht  am  Boden  liegt.

2  6.  Juni.  —  Abg.  Hauß  (Elf.)  erklärt,  das  Verfassungsgesetz  für
Elsaß-Lothringen  werde  dauernd  durchbrochen.  Der  Volksvertretung  würden
ständig  Fesseln  angelegt.  An  den  militärischen  Maßnahmen  dürfe  nicht
einmal  in  vertraulichen  Sitzungen  Kritik  geübt  werden.  Obwohl  sich  die
Abgeordneten  allen  Anordnungen  fügten,  habe  das  Armeeoberkommando
den  Zusammentritt  des  Landtags  später  überhaupt  verboten.  Die  Bezirkspräsidenten
  fühlten  sich  in  erster  Linie  mehr  als  Offiziere  denn  als  Verwaltungsbeamte.
  Der  Bezirkspräsident  v.  Puttkamer  habe  das  Deutschtum
durch  sein  ganzes  Verhalten  außerordentlich  geschädigt.  Wir  haben,  sagt
Redner,  das  Vertrauen  zum  Reichskanzler,  daß  er  dafür  sorge,  daß  die
Verfassung  von  Elsaß-Lothringen  nicht  weiter  so  umgangen  wird.  Man
fußt  bei  den  Maulkorbbestimmungen  auf  einer  falschen  Auffassung  von  Land
und  Leuten.  Während  man  alle  Erörterungen  über  die  Schaffung  eines
autonomen  Elsaß-Lothringen  verbietet,  läßt  man  solche  zu,  die  auf  eine
Angliederung  an  Preußen  hinarbeiten.  Das  ist  eine  bewußte  Irreführung
der  öffentlichen  Meinung  Deutschlands.  Mindestens  vier  Fünftel  der  Bevölkerung
  sind  Anhänger  der  Autonomie.  Höchstens  könnte  eine  Angliederung
an  Bayern  in  Frage  kommen.  Der  jetzige  Zustand  der  Unterdrückung  jeder
Meinungsäußerung  in  E.-L.  ist  länger  nicht  mehr  erträglich.

Staatssekretär  des  Innern  Wallraf  führt  aus:  Nicht  weit  von  den
Hauptstädten  Elsaß-Lothringens  steht  die  deutsche  Westfront  und  els.-lothr.
Gebiet  oder  die  Grenze  kann  jeden  Tag  wieder  der  Schauplatz  ernster
Kämpfe  werden.  Deshalb  ist  die  Zeit  noch  nicht  gekommen,  über  die  zukünftige
  Gestaltung  des  Landes  öffentliche  Erörterungen  zuzulassen.  Die
verbündeten  Regierungen  haben  einen  Beschluß  noch  nicht  gefaßt.  Da  aber
der  Reichstag  dabei  mitwirken  wird,  werden  auch  die  Interessen  der  els.=lothr.
  Bevölkerung  Berücksichtigung  finden.  Die  Flamenfrage  berührt  den
ganzen  Komplex  der  Westfragen.  Sie  findet  bei  uns  aber  volle  Würdigung
und  Sympathie.  Wenn  Herr  Haase  glaubt,  die  Männer  beschimpfen  zu
können,  die  sich  an  die  Spitze  dieser  Bewegung  setzten,  so  war  das  Pfui
berechtigt,  daß  ihm  aus  dem  Hause  entgegenschallte.  In  den  besetzten  Gebieten
  kann  die  militärische  Verwaltung  nicht  entbehrt  werden.  Die  litauische
Bevölkerung  wird  allmählich  zur  Verwaltung  herangezogen  werden.  Das
Ziel,  das  uns  dort  vorschwebt,  ist  nicht  die  Vergewaltigung  der  Landeseinwohner,
  sondern  die  Sicherstellung  ihrer  Ordnung  und  Freiheit.

Abg.  Noske  (Soz.):  Was  der  Staatssekretär  über  die  els.-lothr.  Frage
gesagt  hat,  waren  Worte,  aber  keine  Gründe.  Wir  müssen  uns  schämen,
daß  die  Regierung  auf  die  schweren  Anklagen  des  Abg.  Hauß  nichts  zu
antworten  wußte.  Es  gibt  aber  allerdings  keine  Worte,  die  z.  B.  die
schwere  Mißhandlung  des  els.-lothr.  Landtags  rechtfertigen  können.  Die
Arbeitermassen  verfolgen  mit  starker  Unzufriedenheit  und  wachsendem  Groll
die  Politik  der  Reichsregierung.  Die  Neuordnung  Deutschlands  geht  außerordentlich
  langsam  vor  sich.  Bei  einem  sehr  beträchtlichen  Teil  der  Bevölkerung
  ist  die  Stimmung  sehr  gereizt  wegen  der  Kürzung  der  Brotration.
Es  ist  unglaublich,  was  sich  Graf  Hertling  in  der  Wahlrechtsfrage  von  den
Krautjunkern  und  Schlotbaronen  im  Abgeordnetenhause  gefallen  läßt.
Junker,  Schlotbarone,  Kapitalisten  und  alles,  was  reaktionär  gesinnt  ist,