Full text : deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

387  klüften
spalt  Dasypodius;  ist  zvwischen  uns  und  euch
eine  grosze  kluft  befestiget  Luc.  16,  26;  in  der  berge
klüften  Uz  1,  103;  abschussige  gründe  hemmen  mit
gähnender  kluft  hinter  mir,  vor  mir  den  schritt
Schiller  Spazierg.  175;  2wischen  felsen  .  eine
klust  Lenan  223;  im  Bergwesen,  schmaler  Gang,  Riß,
Spalt  im  Gestein,  schon  mhd.  Veith  290  fg.;  im
innern  der  erde  auf  güngen  und  kluften  Goethe
Wanderj.  3,  6;  —  Höhle:  kluft,  cavitas,  speces  (neben
apertura,  abyssus)  Schottel  1346;  kam  zum  grabe,
es  war  aber  eine  kluft,  und  ein  stein  darauf  gelegt
Joh.  11,  38;  da  wird  man  in  der  felsen  hüle  gehen,
und  in  der  erden  klüfte  Jes.  2,  19;  im  Mhd.  auch  als
Gruft  und  Krypta;  —  die  heutige  übertragene  Bed.
lehnt  an  den  Begriff  des  weiten  Risses  oder  Abgrunds
an:  gehorchen!  herrschen!  ungeheure  schwindlichte
kluft  Schiller  Fiesko  3,  2;  die  kluft,  die  mich  von
jener  lehre  trennte  Goethe  Du  W.  15;  dic  kluft,  die
von  der  freiheit  noch  mich  trennt  Lenau  115;  lasz
die  welt  über  mich  urtheilen,  wie  sie  will.  ich  bin
jenseits  der  klust  C  F  Meyer  Pesc.  184.  2)  Klutt,
Zange,  schon  ahd.  clutt,  chluft  (hier  die  einzige  Bed.),
mhd.  kluft,  dieselbe  Bildung  wie  1,  aus  der  Bed.  des
gespaltenen  und  klemmenden  Holzes  hervorgegangen:
Jorcta  kluft  Dief.  nov.  gloss.;  mit  der  kluft,  so
ich  von  der  wirthin  aus  ihrer  kuchen  entlehnt,  die
zähne  ausbrechen  Simpl.  1,  384;  übertragen,  von  der
Kralle  eines  Raubvogels:  der  adler  nam  jn  in  sein
kluft,  führt  jn  hoch  oben  in  die  luft  BWaldis  Esop
1,  87;  —  noch  jetzt  klult  Feuerzange,  und  in  Schmelzhütten,
  bei  Gießern  und  Nagelschmieden  zangenartige
Geräte  verschiedener  Form;  bei  Zimmerleuten  ein  Richtscheit
  oder  Winkelmaß,  das  zusammengeklappt  wird,  im

orstwesen  überhaupt  ein  grob  gespaltenes  Stück  Holz,

cheit.  3)  völlig  anderes  kluft,  landschaftlich  in  niedriger
  Rede  weit  verbreitet,  =  Kleid,  meist  im  Dim.
klüftchen:  das  klüftchen.  das  sie  an  hat;  entstammt
der  Gannerspr.,  klaffot  Kleid,  angeblich  jüdischen  Ursprungs.
  —  klüften,  in  eine  Kluft  oder  Klüfte  spalten,
vgl.  zerklüften;  Kluft  bilden:  dasz  die  tiefsten  gräber
klusten  Lenan  235.  —  klüftig,  mit  Kluft  oder  Spalt
versehen,  zerspalten,  zerrissen:  klüftig.  Kulcas,  hiscens
Steinbach;  kluftiges  holz,  ein  kluttiges  gestein  Adelung;
  das  elende,  klüftige,  verfallene  haus  mit  dem
durchlöcherten  dache  Immermann  Münchh.  3,  108;
der  berg  ist  klüftig  überaus  Heyse  9,  120;  —  leicht
zu  klieben,  zu  spalten:  /488///1  cluftiger  Dief.

Klug,  von  gutem  und  scharfem  Verstande,  bedacht,
umsichtig;  nur  hoch=  und  niederd.  Wort,  ahd.  nicht  bezeugt,
  mhd.  kluoc,  Gen.  kluoges,  mud.  klok,  Gen.
klokes  (das  altnord.  klokr  gilt  als  entlehnt);  völlig
dunkler  Abstammung,  mit  der  im  Mhd.  zunächst  hervortretenden
  und  ursprünglicheren  Bed.  fein,  zierlich,  schmuck,
stattlich,  woraus  sich  der  Begriff  des  geistig  Gewandten
erst  entwickelt.  Die  Steigerungsgrade  in  der  älteren
Spr.  oft  ohnec,  in  der  neueren  Spr.  mit  Umlaut,  nach
jenem  Branche  noch:  bin  auch  dabei  etwas  kluger  geworden
  Goethe  Briefe  1,  189,  vgl.  auch  unklug.  Die
alte  Bed.  des  Feinen,  Zierlichen,  hat  sich  mundartlich
oberdeutsch  noch  erhalten  (Schmeller);  übergegangen
in  die  Bed.  des  Knappen,  Kargen,  Genauen  (ebd.),  wie
schon  in  älterer  Spr.:  ewr  (des  alten  Leibes)  sprüng
sind  worden  klueg  Wolkenstein  112,  1;  besonders
aber  —  geistig  fein,  mit  Gedanken  geschickt  und  gewandt,
in  mancherlei  Schattierung  des  Sinnes;  entgegengesetzt
dem  Thörichten,  Einfältigen:  fünf  (Jungfrauen)  unter
inen  waren  töricht,  und  fünf  waren  klug  Matth.  25,2;
dein  wort  machet  klug  die  einfeltigen  Pf.  119,  130;
mit  weise  zusammen  genannt,  im  Begriff  daran  rührend:
er  was  wise  unde  klüc  livl.  Chron.  11666;  das  du  solchs
verborgen  hast  den  weisen  und  klugen  Luc.  10,  21;
noch  jetzt  in  einer  Verbindung  der  gewöhnlichen  Rede

klug.

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er  ist  klug  und  weise;  weise  als  Steigerung  von  klug:
selbst  wenn  sie  klug,  selbst  wenn  sie  weise  handelt
Goethe  nat.  Tocht.  4,  1;  andererseits  von  weise  scharf
abgehoben:  wenn  dem  volke  weise  nichts  weiter  wür
als  klug?  und  klug  nur  der,  der  sich  auf  seinen  vortheil
  gut  versteht?  Lessing  Nath.  3,  5;  selbst  in  die
Bed.  listig,  schlau  übergreifend:  doch  sach  man  entslifen
  manchen  Semcgallen  klüc  livl.  Chron.  7309,  die
auch  in  neuerer  Spr.  öfter  noch  hervortritt:  er  war
klug  und  wuste  seinen  kopf  aus  der  schlinge  zu  ziehen;
—  klug  von  Personen,  auch  von  Tieren,  als  ständige
Geisteseigenschaft:  seinem  son  Sacharja,  der  ein  kluger
rat  war  1.  Chron.  27,  14;  ein  kluger  knecht  gefellet
dem  könig  wol  Spr.  Sal.  14,  35;  ein  kluger  könig  ist
des  volks  glück  Weish.  Sal.  6,  26;  nach  jm  ward  könig,
scin  kluger  son  Salomo  Sir.  47,  14;  sie  ist  eine  kluge
frau,  hat  kluge  kinder;  kluges  geschlecht,  kluge  nachkommen;
  was  die  alte  welt  in  dreifach  tuch  verstecket,
  hat  unsre  klügre  zeit  den  kennern  aufgedecket
  Uz  2,  166;  es  heißt  klug  sein,  sich  klug
dunken:  seid  klug  wie  die  schlangen  Matth.  10,  16;
las  dich  nicht  kluger  dünken  denn  die  alten  Sir.  8,  11;
jr  haltet  euch  alle  fur  klug  Hiob  27,  12;  die  Wendung
klug  (im  kopfe)  sein,  —  klaren  Verstand  haben:  er  ist
ganz  klug  im  kopfe;  häufig  die  Verneinung  davon:
ich  glaube,  du  bist  nicht  klug  Adelung;  er  nannte
mich  nicht  klug  Wieland  Idr.  3,7;  —  ein  kluger
kopf,  geist;  ein  kluges  herz  handelt  bedechtiglich  Spr.
Sal.  15,  14;  (als  der  Mann)  dessen  sohn  als  einen
klugen  kopf  und  trefflichen  juristen  schilderte  Hauff
10,  202;  klug  früher  als  Ehrentitel  von  Magistratspersonen,
  so  mnd.  (Schiller-Lübben);  anders  kluger
mann,  kluge  frau,  übernatürliche  Künste  wissend,  Zauberer,
Zauberin;  —  mit  Hinblick  auf  das  Verhalten  im  Einzelfall:
  wer  gedültig  ist,  der  ist  ein  kluger  mensch  Spr.
Sal.  19,  11;  wer  im  sommer  samlet,  der  ist  klug  10,  5;
ein  kluger  merkt  wol,  das  er  untergehen  wil  Sir.  21,  8;
mit  Bezug  auf  Fertigkeiten,  Kenntnisse:  einen  klugen
meister  .der  ein  bild  fertige  Jef.  40,  20;  (Adlicher)
klug  für  rossgestampf,  klug  für  jede  wehr  des  ruhmes,
und  für  pulverdampf  Voß  4,  259;  in  Sprichwörtern
und  formelhaften  Wendungen:  der  klügste  gibt  nach;
das  ci  will  klüger  sein  als  die  henne;  durch  schaden
wird  man  klug;  aus  einem,  etwas  nicht  klug  werden
können:  er  wird  nicht  klug  daraus  werden  Schiller
Kab.  5,  1;  nur  konnte  ich  aus  ihr  nicht  klug  werden,
denn  sie  kam  mir  bald  zärtlich,  bald  wunderlich
vor  Goethe  Du  W.  2;  einen  klug  machen,  aufklären
über  etwas;  da  steh  ich  nun  .  und  bin  so  klug  als
wie  zuvor  Faust  I;  in  älterer  Spr.  klug  sein  eines
dinges,  es  wissen:  warens  aus  der  schrift  auch  klug
BWaldis  Esop  4,  90;  adverbial  etwas  klug  anstellen,
einrichten,  ordnen,  machen;  klug  reden  (auch  mit
übelm  Nebensinne  des  Dünkelhaften);  von  Eigenschaften,
Dingen:  kluge  überlegung,  einfälle,  reden,  spruche;
er  macht  ein  kluges  gesicht;  zu  predigen,  nicht  mit
klugen  worten  1.  Cor.  1,  17;  kluger  streich,  eine  kluge
sparsamkeit  Adelung;  die  kluge  politik  dieser  letzten
zehn  jahre  Treitschke  4,  675;  in  die  Bed.  gelehrt
übergehend:  wir  haben  nicht  den  klugen  fabeln  gefolget
1.  Petr.  1,  16;  oder  =  geschickt,  kunstfertig:  in  erhabner
arbeit  sind  kluge  dinge  zierlich  drauf  (auf  dem  Becher)
gebildet  Schiller  Picc.  4,  4;  was  an  schönen  frischen
blumen  in  den  bccten  ist  zu  finden,  pflucket  sie  mit
klugem  tnger  Lenau  260.  Das  Neutr.  in  substantiver
Decl.  bei  allgemeinem  Sinne:  (weil  es)  durch  klug  und
scheinbar  unklug,  rasch  und  zögernd,  den  gang  nachahmt
  der  ewigen  natur  Grillparzer  8,  69.  —  klügeln,
in  kleinlicher  Weife  sich  klug  gebaren,  grübeln,  tüfteln;  erst
nhd.  Wort:  darnach  mag  sich  ein  jeder  richten  und  sein
klüugeln  faren  lassen  Luther  3,  978;  spitzfindigkeiten
einer  klüugelnden  vernunft  Schiller  4,  39;  man  ist

klügeln.