Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfter Jahrgang. 1889. (30)

Bie  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (Mai  29.—Juni  1.  Hälfte.)  165

die  feststehende  Politik  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie,  deren  auswärtige
  Beziehungen  nur  durch  die  wohlerwogenen  Interessen  der  Monarchie
bestimmt  würden,  keinen  Einfluß  ausüben.  Was  insbesondere  die  engen,
freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Italien  angehe,  so  seien  dieselben  wiederholt
  von  dem  verantwortlichen  Minister  des  Auswärtigen  an  kompetenter
Stelle  in  einer  jeden  Zweifel  ausschließenden  Weise  gekennzeichnet  worden.
(Beifall.)

29.  Mai.  (Rede  Erzherzogs  Rainer.)  Erzherzog  Rainer
eröffnet  die  Jahressitzung  der  Wiener  Akademie  der  Missenschaften
mit  einer  Rede,  in  der  er,  nachdem  er  mit  einigen  Worten  des
Todes  des  Kronprinzen  Rudolf  gedacht,  bemerkt:

„Leider  muß  es  gesagt  werden,  daß  ein  Kampf  gegen  Aufklärung
und  Fortschritt  eröffnet  wurde,  den  gerade  wir  am  meisten  beklagen  müssen,
weil  wir  den  Wert  der  Wissenschaft  zu  schätzen  wissen.  Wir  wollen  hoffen,
daß  diese  Erscheinung  eine  vorübergehende  sein  wird.“

2.  Juni.  (Böhmen:  Deutsche  Abstinenzpolitik.)  Eine
Versammlung  der  Vertrauensmänner  der  deutschen  Abgeordneten
des  böhmischen  Landtages  in  Prag  beharrt  bei  der  Forderung  auf
Anerkennung  des  deutschen  Sprachgebietes  in  Böhmen  und  auf
Schaffung  nationaler  Kurien  im  böhmischen  Landtage  und  beschließt,
auch  dem  künftigen  Landtage  gegenüber  auf  der  bisherigen  Abstinenzpolitik
  zu  verharren.

3.  Juni.  (Tiszafeier.)  Bei  einem  Bankett  der  liberalen
Partei  zu  Ehren  Tiszas  ist  der  Ministerpräsident  Gegenstand  begeisterter
  Ovationen.

Der  Präsident  der  Partei,  Baron  Podmanitzki,  die  Abgeordneten
Jokay  und  Csernatony,  sowie  Dedovics,  namens  der  kroatischen  Abegeordneten,
  toasten  auf  Tisza,  welcher  in  seinem  Trinkspruche  auf  die  liberale  Partei
erklärt,  daß  diejenigen  sich  täuschten,  welche  glaubten,  selbst  zur  Macht  zu
gelangen,  sobald  sie  einen  Mann  entfernt  haben.  Destruktive  Tendenzen,
welche  unter  dem  Deckmantel  des  Radikalismus  die  Reaktion  einschmuggeln
möchten,  um  später  mit  der  Reaktion  im  Interesse  des  Radikalismus  und
der  Störung  der  Ordnung  sich  zu  verbinden,  würden,  so  lange  die  liberale
Partei  bestehe,  nie  zur  Macht  gelangen.

1.  Hälfte  Juni.  (Böhmen:  Deutscher  Wahlaufruf.)
Der  Wahlaufruf  der  Vertrauensmänner  der  Deutschen  in  Böhmen
wird  publiziert:

Er  wirft  einen  kurzen  Rückblick  auf  die  Gestaltung  der  Dinge,  seit
die  Deutschen  am  22.  Dezember  1886  den  böhmischen  Landtag  verließen,
weil  die  czechisch-feudale  Majorität  auf  Antrag  des  Fürsten  Karl  Schwarzenberg
  es  verweigerte,  ihre  Wünsche  auch  nur  der  Prüfung  und  Vorberatung
  zu  unterziehen.  Auch  später  haben  die  Czechen  und  Feudalen  eine
Versohnung  stets  unmöglich  gemacht,  so  auch  als  die  Feudalen  dem  verfassungstreuen
  Großgrundbesitz  115  Mandate  mit  der  Bedingung  anboten,  daß
dieser  dafür  die  Abgeordneten  der  deutschen  Städte  im  Stich  lasse.  Das
Wahlprogramm  entspricht  der  Erklärung,  die  Dr.  Schmeykal  1886  im  Namen
seiner  Partei  beim  Verlassen  des  Landtages  abgab.  Auch  jetzt  werden  die