432
freund auch aus der Hand seines Gegners dankbar als Geschenk
annimmt.
Gewiß war es zum Glück der Religion, daß Rousseau
Voltaire's Zeitgenosse war, und mit seinem rednerischen Eifer
für reine Moral und aufgeklärte natürliche Religion den
unermeßlichen Schaden einigermaaßen verhütete, welchen allgemein
einreißender Unglauben nothwendig anrichten muf.
Traurig genug, daß wir es noch als Vortheil ansehen müssen,
nur nicht alle Religion niedergestürtzt zu sehen, daß einer
der heftigsten Gegner der Wunderwerke Jesu noch mittelbar
als Schutzwehr der Christl. Religion betrachtet werden kann:
aber warum sollken wir uns hierüber in Ansehung Katholischer
Länder wundern, da sich manches selbst im Protestantischen
Teutschland hie und da zum Zeitalter des Systems
der Natur zu neigen scheint, wenn anders die schriftstellerische
Welt einen sichern Maßstab des allgemeinen Justandes
geben kann.
Die letzte große Erscheinung in den Annalen des Teutschen
Unglaubens sind — die von Lessing herausgegebenen
Fragmente eines Ungenannten, in welchen besonders
die Auferstehungsgeschichte Jesu so feindselig aber auch so
scharf angegriffen wurde, als bisher von keinem englischen
oder Französischen Deisten gesah. Sollten sie, wie nicht unwahrscheinlich
ist, ein Nachlaß von Reimarus seyn, so
würde das Phänomen in Ansehung des Orts, wo es erschien,
und selbst auch in Ansehung des Verfassers manche pragmas
tische Bemerkung veranlassen welche uns zur Duldung und unparteiischen
Selbsiprüfung führen müßte.