Metadata : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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Die  deutsche  LTilerakur  während  des

Krieges
von  Professor  Adols  Bartels  in  Weimar

Allgemeines.  Professor  Festers  Satz-Der  Weltkrieg
  bestimmt  auch  den  Charakter  der  Weltliteratur-(vgl.-Kriegs'iteratur-,
  S.  879)  hat  natürlich  auch  für
die  schöne  Literatur,  die  Dichtung,  Geltung,  insofern
als  kein  Schaffender  von  Kreeg  und  Kriegsumständen
ganz  unbeeinflußt  bleibt  und  die  Werke,  welches  Charakters
  sie  im  übeigen  sein  mögen.  davon  Spuren
tragen.  Jedoch  ist  das  dichterische  Schaffen,  als  mit
der  angeborenen  Natur  und  dem  Talent  des  Dichters

egeben,  von  äußeren  Umständen  nicht  durchaus  abängig
  und  die  Entwicklung  der  Poesie  nicht  bloß
Zeitentwicklung,  so  daß  denn  Kriege  nicht  immer  stark
auf  sie  einwirken.  Hat  der  Siebenjährige  Krieg  nach
Goethes  Feststellung  den  Sturm  und  Drang  sowie
weiterhin  den  Aufschwung  zur  Klassik  mit  heraufgeführt.
  so  haben  anderseits  die  Befreiungskriege  und
der  Krieg  von  1870/71  nur  vorüÜlbergehend  Awirt.
indem  durch  die  ersteren  die  Entwillung  der  Romantik
  weder  gehemmt  noch  gefördert  und  durch  den  letzteren
  das  Epigonentum  der  Münchener  usw.  keineswegs
  aus  der  Welt  geschafft  worden  ist.  So  darf  man
auch  von  dem  gegenwärtigen  Kriege,  so  sehr  er  die
früheren  an  Gewalt  und  Ausdehnung  übertrifft.  bestimmte
  Wirkungen  auf  unsere  Dichtung  mit  Sicherheit
  nicht  erwarten.  Man  hatte  zu  Anfang  des  Kriees

  in  Deutschland  die  starke  Empfindung,  daß  unsere
iterarischen.  Verhältnisse  zum  Teil  unter  dem  Einflusse
  fremden  Geistes,  ungesund  geworden  seien,
und  predigte  für  Theater  und  Dichtung  Rückkehr  zu
gesundem  Volkstum.  Daß  diese  aber  nach  drei  Jahren
  schon  erfolgt  sei,  wird  man  doch  nicht  behaupten
  dürfen,  ob  auch  eine  umfangreiche  Keiegsichtung
entstanden  ist.  Der  Umschwung  auf  dem  Gebiete  der
Dichtung  ist  nie  ganz  plötzlich;  selbst  revolutionäre
Bewegungen,  wie  sie  allerdings  vorkommen,  heben  die
Überlieferung  nicht  auf,  zumal  immer  mehrere  Generationen
  am  Werke  sind,  und  das  ist  gut  so.  Daher
wollen  wir  es  denn  auch  dankbar  begrüßen,  daß  jetzt
während  der  Kriegszeit  trotz  der  großen  Erschwerung
des  buchhändlerischen  Betriebes  die  Werke  älterer,  schon
verstorbener  Dichter  zum  erstenmal  oder  neu  in  ihrer
Gesamtheit  hervortreten  und  auch  andere,  noch  lebende
durch  Gesamtausgaben  voll  zu  ihrem  Rechte  kommen.
Ich  denke  bei  den  ersteren  vornehmlich  an  Erust  von
Wildenbruch  (1845—1909)  und  Detlev  von  Liliencron
  (1844—1909),  die  uns  beide  in  dieser
Kriegszeit  noch  viel  geben  können,  mehr  vielleicht  als
ihre  jüngeren  Zeitgenossen,  und  bei  den  letzteren  vor
allem  an  Timm  Kröger  (geb.  1841),  dessen  eben  erschienene
  gesammelte  =  Novellen=  (mit  der  Jahreszahl
1914)  deutlich  gezeigt  haben,  daß  dieser  Dichter  ein
bedeutender  =  Humoriste  und  so  etwas  wie  der  berufene
Nachfolsser  oder  Ergänzer  Wilhelm  Raabes  ist.

Die  Zahl  der  unmittelbar  vor  dem  Kriege  und
während  des  Krieges  verstorbenen  deutschen
Dichter  und  Dichterinnen  ist  verhältnismäßig
groß.  Außer  solchen,  deren  Schaffen  abgeschlossen,  ja
schon  überwunden  war,  sind  auch  manche  dahingegan.
gen,  von  denen  wir  noch  etwas  erwarten  durften,  so
daß  das  Gesamtbild  unserer  Literatur  nun  mannigfach
  verändert  erscheint.  In  den  Jahren  1912—17
haben  uns  verlassen:  Karl  Frenzel  (1827—1914),
trotz  mancher  Schwächen  einer  der  feinsten  Köpfe  Verlins,
  auch  als  Dichter  nicht  ohne  Verdienst,  Paul

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Heyse  (1830—1914),  neben  Geibel  einst  das  Haupt
der  Münchener  Schule,  in  der  letzten  Zeit  seines  Lebens
sehr  zurückgetreten,  aber  als  Novellist  doch  wohl  auch
jetzt  noch  nicht  ohne  Zukunft,  Marie  von  Ebner-Eschenbach
  (1830  —1916),  die  ihren  Ruhm  als  der
grösten  deutschen  Erzählerin  bis  zuletzt  bewahrt  hat,
elix  Dahn  (1834—1912).  dem  das  Verdienst,  die
alte  Germanenwelt  für  die  Poesie  erobert  zu  haben,
bleiben  wird,  Wilhelmine  von  Hillern  (1836—
1916),  hinter  deren  Sensationalität  ein  starkes  Talent
Leche,  Heinrich  Steinhausen  (1836—1917),  der
erfasser  der  =  Irmela#  und  Bekämpfer  Georg  Ebers,
der  österreichische  Lyriker  und  Novellist  Stephan
Milowtovon  Millenkovich,  1836—1915),  der  badische
Heimaterzähler  Heinrich  Hansjalob  (1837—1916).
Johannes  Trojan  (1838—1915),  der  frühere
Redakteur  des  Kladderadatsch-e,  Johann  Hinrich
Fehrs,  der  geschäzte  holsteinische  (plattdeutsche)  Erzähler,
  Carmen  Sylova,  die  Königin  Elisabeth  von
Rumänien  (1843—1916),  die  so  glücklich  war,  den
Verrat  Numäniens  an  seinen  alten  Verbündeten  nicht
mehr  zuerleben,  Berthavon  Suttner  1843—1914),
die  so  lange  »Die  Waffen  nieder!  predigte  und  deren
lette  Schrift  =  Die  Barbarisierung  der  Luft«  hieß,
Theodor  Hermann  Pantenius  (1843—1915),
der  langjährige  Herausgeber  des  -Daheim-,  dessen
Romane  und  Erzählungen  das  Leben  seiner  kurländi.
schen  Heimat  darstellen,  Ferdinand  Krüger  (1843
bis  1915),  der  plattdeutsche  Romane  aus  dem  Leben
seiner  westfälischen  Heimat  schrieb,  die  aus  Danzig  gedürtige
  Erzählerin  Johanna  Niemann  (1844—
1917),  die  manche  Probleme  des  Frauenlebens  angepackt
  hat,  der  Dramatiker  Karl  Weiser  (1848—1913),
der  die  so  heiß  erstrebte  Aufführung  seiner  =  Jesus-=Tetralogie
  nicht  erlebt  hat,  der  Humorist  Hermann
Oser  (1849—1912),  die  badische  Heimaterzählerin
Hermine  Villinger  (1849—1917),  Oskar  Blumenthal
  (1852—1917),  dessen  letztes  Lustspiel,  vom
Jahre  1915,  -Die  große  Pause=  heißt,  Gustav  Falke
(1853—1916),  der  seine  Stellung  als  Lyriker  neben
Liliencron  und  Dehmel  trotz  schwächeren  Talents  mit
Glück  behauptet  hat,  übrigens  auch  als  Erzähler  etwas
  bedeutet,  die  moderne  Erzählerin  Dora  8  uncker
(1855—1916),  Siegfried  Lipiner  (1856—1913),
der  die  mit  seinem  -Entfesselten  Prometheus=  einst
erregten  Hoffnungen  nicht  erfüllt  hatte,  Joseph  Ruederer
  (1861—  1915),  der  die  moderne  -Groteskepflegte,
  Wilhelm  Arminius  (eigentlich  Schulge,
1861—1917),  der  Geschichtsromane  schrieb.  Lilly
Braun,  geborene  v.  Kreischmann,  verwitwete  v.  Gizycki
  (1865—1916),  die  erst  spät  unter  die  Verfasserinnen
  moderner  Romane  gegangen  war,  der  Lyriker
und  Romandichter  Albert  Geiger  (1866—1915).
der  Lyriker  und  Ibsen-übersetzer  Christian  Morgenstern
  (1871—1914),  der  feine  Erzahler  Friedrich
  Luch  (1873—1913),  die  Lyriker  Karl  Engelhard
  (1874—1914)  und  Georg  Busse-Palma
1876—1915),  der  Asthet  Alfred  Walter  von
eymel  (1878—1914),  die  österreichischen  Erzähler
Hans  von  Hoffensthal  (1877—19140  und  Ernst
Hladny  (1833—1916).

Dazu  kommen  noch  die  im  Kriege  Gefallenen:
Hermann  Löns  (1866—1914),  dessen  Heldentod
dem  großen  Natur.  und  Tierschilderer  den  Ruhm
brachte,  den  er  bei  seinem  Leben  hatte  entbehren
müssen,  Martin  Richard  Kabisch  (1868  —1914),
Schulmann  und  Verfasser  des  gehaltvollen  Romans
»Gottes  Heimkehr,  die  Geschichte  eines  Glaubense,