74 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 24.)
deutsches Kapital, an zweiter Stelle französisches und im übrigen auch noch
anderes Kapital beteiligt ist, und zwar österreichisches, italienisches, schweizerisches
und türkisches. Alle Nationen, welche mit Kapital an dem Unternehmen
beteiligt sind, sind auch in der Verwaltung der Gesellschaft vertreten,
am stärksten nächst Deutschland die Franzosen. Man kann also
sagen, daß das Bagdadbahnunternehmen ein ottomanisches Unternehmen
ist, das internationalen Charakter unter deutscher Führung hat. Man
wird bei der Bagdadbahn allerdings insofern mit Fug und Recht von
einem deutschen Unternehmen sprechen können, als dieses großartige Unternehmen
deutschem Geiste entsprungen ist, mit Hilfe deutschen Wissens und
deutschen Könnens bis zu dem bisherigen Punkte geführt worden ist und,
wie wir hoffen, auch bis ans Ende geführt werden wird. (Bravo! bei
den Nationalliberalen.) Die Bahngesellschaft hat die Bahn bisher bis
Bugurlu fertiggestellt, einem Orte am Fuße des Taurus. Der Weiterbau
konnte bis jetzt nicht gefördert werden, weil die türkische Regierung die
finanziellen Sicherheiten, welche konzessionsgemäß für jede einzelne Sektion
zu geben sind, noch nicht bereitgestellt hat. Die Vorteile, welche sich aus
dem großen und großgedachten Unternehmen für Deutschland ergeben,
liegen auf der Hand. Zunächst ergibt sich Aussicht für erhebliche Beteiligung
der deutschen Industrie an den Lieferungen für Schienen, für
Rollmaterial und sonstigen Eisenbahnbedarf. Dann dürften auch deutsche
Ingenieure, deutsche Bauhandwerker, deutsche Bauunternehmer lohnende
Beschäftigung an dem Bahnbau finden. Endlich ist mit Sicherheit anzunehmen,
daß mit der steigenden Kultur und mit den steigenden Bedürfnissen
der Bewohner des Landes ein neues Absatzgebiet erschlossen wird.
Daß dieses Gebiet sich nicht allein für uns erschließt, sondern auch für
andere Nationen, können wir neidlos zugeben. Uns liegen — und das
betone ich nachdrücklich — bei der Bagdadbahn politische Ziele und Hintergedanken
gänzlich fern. Was wir im Auge haben, ist die kulturelle Erschließung
von Ländern, welche dieser Erschließung wert erscheinen, das ist,
daß wir mithelfen wollen, ein im Altertum blühendes Kulturland aus
jahrtausendlangem Schlummer wieder erwecken zu helfen und damit uns
und anderen ein neues Absatzgebiet zu schaffen. (Bravo! bei den Nationalliberalen.)
Bei diesem rein wirtschaftlichen Charakter des Unternehmens
fallen alle phantastischen Kombinationen, welche von Zeit zu Zeit im Ausland
daran geknüpft werden, in sich zusammen, so die Fabel von der
Kolonisierung der von der Bahn durchschnittenen Gebiete mit deutschen
Ackerbauern und ebenso die Fabel von der Besitzergreifung eines Hafens
im Persischen Golf. Den Gedanken, die Bahn in irgend einer Weise zu
kolonisatorischen Zwecken zu benutzen, hat die kaiserliche Regierung niemals
auch nur erwogen. Die von der Bagdadgesellschaft durch die Konzession
erworbenen Rechte sind von keiner Seite in Frage gestellt worden, ebensowenig
wie anderseits auch das deutsche Gepräge, welches, wie ich vorhin
ausführte, das Unternehmen trägt. Was die Stellung der kaiserlichen Regierung
zu der Frage betrifft, so ist es selbstverständlich, daß wir dem
Unternehmen unsere volle Sympathie und Aufmerksamkeit widmen und alles
daran setzen werden, um dasselbe zu fördern. Wir hoffen auch, daß die
mannigfachen Mißdeutungen, Besorgnisse und Befürchtungen, denen das
Unternehmen bei anderen Nationen begegnet ist, nachgerade als irrtümlich
und gegenstandslos erkannt werden und allgemein einer freundlichen, wohlwollenden,
vertrauensvollen Stellungnahme Platz machen. Wir werden
eine solche Stellungnahme des Auslandes mit Freuden und mit Entgegenkommen
begrüßen. (Bravo! bei den Nationalliberalen.) Es bleibt mir
noch übrig, kurz einen Gegenstand zu berühren. Das ist ein etwaiges Ab-