Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Zur  gleichen  Stunde  aber  war  er  bereits  zur  Kenntnis  des  Reichs  tags
gelangt.  Aus  Kowno,  „wo  revolutionädre  Organisationen  den  Fernsprechverkehr
bereits  damale  kontrollierten“  (Ludendorff),  war  er  an  die  Unabhängige  Sozialdemokratle
  gelangt  und  wurde  von  ihr  im  Parloment  zur  Sprache  gebracht.
Die  Antwort  war  ein  Sturm  der  Empörung  gegen  diesen  Ubergriff  der  O.  H.L.
Man  machte  ihr  zum  Vorwurf,  sie  wolle  das  Friedenebemühen  der  Regierung
sabotieren

Noch  ohne  Kenntnle  dieser  Vorgänge  zog  die  O.  H.  L.  selber  am  Abend  des
25.  dlesen  Erlaß  zurück  —  auf  schwere  Bedenken  hin,  welche  General  v.  Gallwitz
gedußert  hatte.  Seine  Ausgabe  an  dlie  Truppen  ist  überhaupt  nicht  erfolgt.
Aber  er  hat  Ludendorff  zum  Sturz  gebracht.

Am  selben  25.  waren  Hindenburg  und  Ludendorff  in  Berlin  eingetroffen
und  hatten  dem  Kaiser  ihre  Auffassung  der  Lage  vorgetragen.  „Wir  müßten
welterkämpfen.“  Der  Kaiser  sprach  kelne  Entscheidung  aus,  bewies  aber  Ludendorff
  sein  vollee  Vertrauen.  Der  Reichskanzler  war  krank.  Selt  dem  Tage  nach
jenem  Empfang  der  Parlamentarier  im  Schloß  Bellevue  hatten  Uberanstrengung
und  Erlppe  lhn  schwer  niedergeworfen.  An  seiner  Stelle  empfing  noch  am  selben
Tage  9  Uhr  abends  der  Bizekanzler  v.  Paper  die  belden  Heerführer  und  den  Admi--ral
  Scheer.  Er  behandelte  Ludendorff  abweisend,  wie  einen  verlorenen  Mann.

„Es  kam  eine  überaus  traurlge  Stunde,“  schreibt  Ludendorff.  Er  mußte
erkennen,  daß  die  Regierung  nicht  weiterkämpfen  wolle.  Er  warnte  vor  dem
Vernichtungewillen  des  Feindes,  vor  der  trügerischen  Hoffnung  auf  Wilson,
bat  dringend,  die  Stellung  des  Obersten  Kriegsherrn  und  des  Offizierkorps
ulcht  weiter  zu  erschüttern  im  Augenblick  des  Endkampfes.

Umsonst:  Ludendorff  schled  mit  der  berzeugung,  die  Regierung  könne  slch
zu  keinem  Entschluß  mehr  aufraffen.  In  dleser  Stimmung  schrieb  er  am  Morgen
des  26.  sein  Abschiedsgesuch.  Bel  der  Stellung  der  Regierung  Wilson  gegenüber
  sel  sein  Abgang  vielleicht  eine  Erlelchterung  für  Deutschland.  Er  bitte
Seine  Majestät,  lhn  in  Gnaden  zu  entiassen.

Inzwischen  hatte  die  Regierung  gehandelt.  Das  ungeladene  Erschelnen
der  Generale  in  Berlin  schlen  ihr  zu  bewelsen,  daß  sie  versuchen  wollten,  sich
auch  jetzt  noch  wider  die  Beschlüsse  der  Voiksregierung  aufzulehnen  —  also
eine  eigene  Kriegspolitik  wlder  diesenige  der  Regierung  zu  machen.  Uber
solchen  Willen,  solches  Handeln  der  O.  H.  L.  waren  Bethinann  und  Kühlmann
gestürzt  ...  Dae  durfte  sich  nicht  wiederholen.  Die  Regierung  bereitete  schleunigst
  ein  Gesetz  vor,  das  dle  Schaffung  einee  „Reichskrlegsamts“  unter  Leltung
elnes  parlamentarischen  Staatesekretärs  anordnete.  Ihm  sollten  hinfort  alle
milltärischen  Gewalten  Deutschlands  unterstehen.  Das  bedeutete  nicht  mehr
und  nicht  weniger  ale  dle  Aufhebung  der  Königlich
gewalt.  Mit  diesem  Gesetz  hörte  der  Kalser,  der  seit  Abänderung  des  Artikelo  11
der  Relchsverfassung  (ogl.  S.  262)  nicht  mehr  Herr  über  Krieg  und  Frleden
war,  auch  im  Kriege  schon  auf,  Oberster  Kriegeherr  zu  sein.  Nahm  der  Kaiser
dieses  Gesetz  an,  so  war  das  Werk  Biemarcks  wie  der  Staat  Frledrichs  des
Großen  zertrümmert.

Der  Kaiser  hat  angenommen.  Damtit  hat  er  die  deutsche  Kalserstandarte
und  die  preußische  Königsstandarte  eigenhändig  niedergeholt.

18°  275