Die Form der Darstellung. 187
eintraf. Die deutsche Regierung hätte also nur wenigstens einmal seit ihrem Bestand
so zu tun brauchen, als ob ihr ein Widerstand gegen irgendwelche feindlichen
Forderungen ernst wäre, und sie hätte zum mindesten Milderungen erzielt.
Ein weiterer Betrugsversuch liegt in dem Satz, der die Schuld am Verlust
des Krieges den Gegnern der Friedensresolution vom Juli 1917 in Rechnung
setzt, die sich der Möglichkeit eines ernsthaften Friedens entgegenstellt und ihn dadurch
verhindert hätten. Dieses Taschenspielerstückchen wurde — o Reife des Volkes!
— vom Hause mit stürmischem Beifall und Justimmung begrüßt. Das Denkvermögen
dieses hohen Hauses reicht nicht einmal so weit, um den logischen Unsinn
dieser Behauptung zu durchschauen. Wenn also einer einen Berg besteigt und er
Kürzt nahe dem Gipfel ab, so trägt die Schuld daran nicht etwa eine ungenügende
Ausrüstung, ein plötzlicher Schwächeanfall, die Lockerung eines Steines, der Stoß,
den ihm ein feindlich gesinnter Begleiter gegeben hat, sondern der Umstand, nicht
auf halbem Wege umgekehrt zu sein! Wenn einer auf halbem Wege umkehrt, dann
erreicht er sicher nicht die Höhe des Berges; daran trägt die Umkehr ohne Jweifel
die Schuld. Wenn er aber nicht umkehrt, so hängt die Erreichung oder Nichterreichung
des Gipfels von allen möglichen Umständen ab, aber niemals trägt an einem
der beiden Ergebnisse die Fortsetzung des Weges die Schuld. Der Vers: „Wärst
net auffigskiegn, wärst net abigfalln“ macht sich im Volkslied ganz nett, in einem
Zirkus vielleicht auch noch; im Parlament eines reifen Volkes weniger. Auf diese
Weise läßt sich die „Schuld“ am Jusammenbruch schließlich noch entweder auf den
Mörder des österreichischen Thronfolger zurückführen — ohne dessen Schuß wäre
der Krieg nicht ausgebrochen und hätte nicht verloren gehen können —, oder auf
die österreichische Regierung, die dafür Genugtuung forderte; hätte sie dem Mörder
einen Orden für die Tat und Serbien zur Belohnung die Herzegowina gegeben,
wären sehr wahrscheinlich 1914 und rors noch Friedensjahre gewesen; logisch sind
diese Schlüsse genau so stichhaltig wie der des Herrn Erzberger. Wer solche Gründe
vorbringt, der hat, wie schon am Eingang dieses Buches in einem eigenen Abschnitt
ausgeführt wurde, Ursache, die natürliche Frage nach dem Grund des Verlustes
des Krieges zu verschieben in die Frage nach dem Grund am Ausbruch oder an
der Verlängerung des Krieges, welche Fragen mit dem Verlust des Krieges nicht
das mindesie zu tun haben. Im Falle des Bergsteigers hätte das meiste Interesse
an einer solchen Verschiebung ein Begleiter, der ihm den todbringenden Stoß
versetzt hätte. Die Betonung dieses Mannes, er hätte den Bergsteiger schon auf
halbem Wege gewarnt, weiterzusteigen, würde dem Mann vor einem Gericht höchstens
als Verdachtspunkt angekreidet werden; denn wenn der Grund des Stoßes
nicht der Untergang des Mannes, sondern nur die Verhinderung der Erreichung
des Gipfels war, diente diesem Zweck der Rat zur Umkehr genau so wie der Mord.
Und damit kommen wir wieder zu dem alten Kernpunkt der ganzen Frage zurück,
der, so oft er auch im Vorliegenden schon behandelt wurde, angesichts der Leichtigkeit,
mit der ein Erzberger noch immer mit den alten Mitteln einen „Sieg“, wenn
auch nur auf einige Tage, zu erringen vermochte, hier nochmals an der Hand der
Erzbergerschen Seiltänzereien erläutkert werden muß.
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X.
Dieser Kernpunkt ist: „Diese Leute wollten niemals einen deutschen Sieg,
weil er ein Sieg des deutschen Militarismus gewesen wäre, den sie haßten. Den
Verlust des Krieges an sich bedauern sie auch heute noch nicht — ogl. Kautsky S. 154