Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

unseree  Gefühle  hat  tief  einschneidende  Folgen  auch  für  unser  Wirtschaftsleben,
bringt  die  Gesamtheit  und  jeden  Einzelnen  um  die  Früchte  seines  Fleißee.

Deun:  die  Entfesselung  des  strupellosen  Wirtschaftsegoiemue,  welche  die
entsetzlichste  und  verhängnieträchtigste  Folge  der  falschen  Kriegswirtschaftsmaßnahmen
  ist  und  zugleich  ein  letzter  gräßlichster  Erfolg  der  uns  von  der  Weltwirtschaft
  abschneidenden  Hunger-  und  Rohstoffblockade  —  sie  hat  unser  gesamtes
  Arbeite-  und  Erwerbeleben  unter  die  Grundeinstellung  des  Wuchers,
das  ist  der  Uberforderung  auf  Grund  des  Besitzmonopole,  gezwungen.  Jeder
versucht  sein  Eigentum  an  lebensnotwendigen  Erdgütern  so  teuer  als  möglich
  loszuschlagen.  Jeder  Besitzende  wuchert  heute  —  nicht  zuletzt  der  Deutsche,
der  nichts  ale  selne  zwei  Arbeltshände  besitzt,  mit  eben  dieser  Arbeitekraft.
Eine  Volkswirtschaft  ist  aber  nur  gesund,  solange  das  genauentgegengesetzte
Prinzlp  sie  beherrscht:  das  Streben  jedes  einzelnen,  das  Beste  möglichst  billig
nicht  nur  herzustellen,  sondern  auch  zu  verdußern.  Die  gegenseitige  Unterbietung
  ist,  so  parabox  das  auch  klingen  mag,  die  Grundlage  eines  blühenden  Gemeinschaftslebene.
  Wenn,  wie  heute  in  Deutschland,  jeder  auf  Erzielung  einee
möglichst  hohen  Gewinnes  nicht  durch  Steigerung  seiner  Gesamtleistung,  sondern
durch  Herabdrückung  dieser  Gesamtleistung  und  gleichzeitige  Erzielung  eines
Mmöglichst  hohen  Gewinnes  für  jede  Einzellelstung  ausgebt  —  dann  schrauben
wir  uns  gegenseitig  mit  unseren  Ansprüchen  bie  zur  Schwindelhshe  des  Unmsglichen
  empor.  Die  Folge  ist  ein  wirtschaftlicher  Kampf  aller  gegen  alle,  der
zu  dem  politischen  eine  furchtbare  Parallele  zleht.

Hier  kann  nur  eine  tiefinnere  Umkehr  belfen.  Und  woher  soll  die  kommen?
Die  grimmige  Not  wird  siee  ne  Tages  erzwingen.  Aber  was  da  vorher  alles
noch  in  Trümmer  geben  m

Es  scheint  fast  ast  angesichte  der  wirtschaftlichen  und  polltischen
Entwicklung  Deutschlande  —  und  übrigene  der  ganzen  Welt  —  noch  an  etwas
wie  einem  menschheitlichen  und  gar  nationalen  Optimiemus  festhalten  zu  wollen.
Wir  habemse  sa  an  Rußlande  Beilspiel  erlebt,  daß  der  Selbstmord  elnes  Zwelhundert-Millionenoolkes
  eine  grauenhafte  Möglichkeit  unserer  bie  zum  Frrsinn
überspannten  und  aus  den  Fugen  geratenen  Gegenwart  ist  —  die  Rache  der
Dinge  am  Größenwahn  des  menschlichen  Geistes,  der  sich  zum  Herrn  der  Erde
aufgeworfen  hat,  obne  die  Herrschaft  über  sich  selbst  erlangt  zu  haben.

Und  dennoch,  meine  Freunde,  wir  glauben,  nicht  wahr?  —  an  die  Wiedergeburt
  unseres  deutschen  Vaterlandes.  Wir  glauben  —  weil  wir  glauben  müssen.
Well  ohne  diesen  Glauden  unser  Leben  selnen  Sinn  verloren  hätte.  Weil  ohne
ihn  wir  wandelnde  Automaten  geworden  wären,  deren  Uhrwerk  seelen-  und
zwecklos  abschnurrte,  bis  die  Feder  still  stände,  die,  von  rätselhafter  Macht  aufgezogen,
  seinen  Lauf  beschwingt.

Wir  glauben,  weil  die  Geschichte  une  belehrt,  daß  in  unserem  Volke  geheimnlevolle
  Kräfte  leben,  die  es  schon  unzählige  Male  aus  gleich  tragischem
Verfall  wieder  emporgerissen  haben.  Unser  Warten  auf  den  Augenblick,  da
dlese  Genesungemächte  beginnen  werden  sich  auszuwlrken,  ist  von  einem  ungebeuren
  Spannungerelz.  Aber  wir  dürfen  uns  nicht  tatenloe  diesem  Seelenkitzel
bingeben:  in  unserer  Hand  liegt  es,  die  Gesundung  zu  beschleunigen  durch  Entschluß
  und  Tat.

303