406 Uebersicht der Ereignisse des Jahres 1862.
Italien. weglich: seine Ablehnung war kategorisch, definitiv. Den finanziellen
Schwierigkeiten setzte es die größten Anstrengungen entgegen: von den
Gläubigen unterstützt, konnte die Staatsmaschine im Gang erhalten, die
Zinsen der Staatsschuld bezahlt werden. Der öffentlichen Meinung der
Welt, welche die Priesterherrschaft verwarf, setzte der Papst das Urtheil
der Kirche entgegen. In der Absicht, eine großartige Demonstration ins
Werk zu setzen, ließ er zu Anfang des Jahres die sämmtlichen Bischöfe
des katholischen Erdkreises einladen, auf Pfingsten nach Rom zu kommen,
um der Heiligsprechung der japanischen Märtyrer beizuwohnen. Die eigentliche
Absicht konnte nicht zweifelhaft sein. Umsonst suchte die französische Regierung
sie einen Augenblick zu vereiteln; eine Note im Moniteur verbot
den franz. Bischöfen die Theilnahme ohne besondere Ermächtigung der
Regierung. Allein die katholische Partei ist in Frankreich eine mächtige;
wie die Regierung sich überzeugen mußte, daß die Bischöfe entschlossen seien,
mit oder ohne ihre Erlaubniß zum Concil nach Rom zu gehen, fand sie für
gut, ihnen eröffnen zu lassen, daß sie gegen die Reise nichts einzuwenden
habe. Von allen Seiten strömten die Bischöfe auf Pfingsten nach Rom,
von zahlreichen Priestern und andern Gläubigen begleitet. Am zahlreichsten
hatten die Franzosen sich eingefunden: es erschien wie eine zweite
französische Invasion. Am 15. Mai eröffnete der Papst das Concil;
die Heiligsprechung der Japanischen Märtyrer fand unter den üblichen
Feierlichkeiten statt. Inzwischen hatten sich die Bischöfe über die zu veranstaltende
Demonstration geeinigt. Am 9. Juni überreichten sie dem
Papste eine von ihnen allen unterzeichnete Adresse, in der sie unter den
schwersten Anklagen gegen Italien sich aufs entschiedenste für die Aufrechthaltung
der weltlichen Herrschaft des hl. Stuhls aussprachen, dieselbe für
eine Nothwendigkeit und durch den klaren Willen der göttlichen Vorsehung
eingerichtet erklärten und wiederholt ihre volle Zustimmung zu allen
Schritten des Papstes aussprachen, die er in den letzten Jahren zu
Wahrung seiner Rechte gethan hatte. Das italienische Parlament hielt
es für passend, diese Anklagen und Forderungen der in Rom versammelten
Bischöfe in einer Adresse an den König als unberechtigt zurückweisen.
Auf die öffentliche Meinung Europa's machte die Demonstration
doch nur einen sehr geringen Eindruck. Die Frage der geistlichen Fürstenthümer
ist entschieden; der Kirchenstaat kann der allgemeinen Entwicklung
des europäischen Staatslebens sich allein unmöglich entziehen und die
Anschauung der spezifisch katholischen Partei, daß die drei Millionen