Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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Augenblick  die  Realisierung  einer  dauerhaften  Neutralitätsbasis
  für  die  Zentralmächte,  die  nur  ungehinderte
  Durchfuhr  ihrer  Materialien  nach  dem  neutralen
  Bulgarien  verlangten  und  dafür  weites  Entgegenkommen
  boten,  möglich  erscheinen.  Allein  wieder
überwog  bei  der  rumänischen  Regierung  die  eingebildete
  Aussicht  auf  größeren  Gewinn  durch  künftigen
  Anschluß  an  Rußland.  Der  verblüffende  Erfolg
  der  Deutschen  und  ÖOsterreicher  in  Serbien  brachte
in  Rumänien  eine  Ernüchterung,  und  das  Ministerium
  wankte.  Aber  aus  biöher  noch  nicht  öffentlich
geklärten  Ursachen  vermochie  sich  schließlich  der  rußlandfreundliche
  Ministerpräsident  Bratianu  zu  hallen,
ohne  sein  Ministerium  durch  Aufnahme  neutralitätsfreundlicher
  oder  deutschfreundlicher  Parteiführer  umagestalten.
  Von  da  ab  fanden  die  Verhandlungen

ratianus  mit  der  russischen  Regierung  immer  offener
statt,  und  der  Anschluß  des  rumänischen  Offizierkorps
an  das  russische  wurde  immer  deutlicher.  Als  im
Sommer  1916  den  Russen  die  Eroberung  von  Luzk,
Giernowiß  und  der  Bukowina  gelang,  benutzte  Rußland
  die  Gelegenheit,  um  den  rumänischen  Ministerfrandenten
  durch  die  Androhung  eines  gewaltamen
  Durchmarsches  russischer  Truppen  durch  die
Moldau  zur  Entscheidung  zu  zwingen.  die,  in  blindem
  Vertrauen  auf  ungeheuerliche  russische  Verheißungen
  territorialer  Vergrößerung,  gegen  die  Zentralmächte
  aussiel.

Aller  Erwartung  widersprechend,  dankte  König
Ferdinand,  der  ehemalige  deutsche  Offizier,  nicht  ab,
sondern  übernahm  den  Oberbefehl  und  identifizierte
sich  sogar  mit  der  Art  der  Kriegserklärung,  die  als
perfider  überfall  auf  die  schwachen  ungarischen  Grenzwachen
  in  den  Karpathenpässen  zustande  kam.  Den
vielen  tausend  reichs  deutschen  und  österreichisch-ungarischen
  Staatsangehörigen  in  Rumänien  wurde  die
Rückkehr  ohne  jede  Warnung  versperrt,  und  sie  wurden
  unter  vielen  Mißhandlungen  ciner  Internierung
in  rücksichtslosester  Form  unterworfen.

Trotzdem  brachte  es  die  rumänische  Eroberungsarmee,
  die  in  Siebenbürgen  eindrang,  nur  zu  einem
Augenblickserfolg.  Sobald  dort  deutsche  Truppen  erschienen
  und  den  Widerstand  aufnahmen,  gelang
es  unter  Leitung  des  Generals  v.  Falkenhayn  schnell,
Siebenbürgen  zu  säubern.

Bulgarien  war  von  den  Rumänen  im  Augenblick
ihrer  Kriegserklärung  an  ÖOsterreich-Ungarn  durch
Schießereien  an  der  Grenze  provoziert  worden  und
griff  wenige  Tage  nach  der  Kriegserklärung  Rumäniens
  in  den  Kampf  ein.  Unter  Leitung  des  Feld-I.

  Politik  und  Geschichte

marschalls  v.  Mackensen  wurde  von  bulgarischen  und
reichsdeutschen  Truppen  die  zur  Festung  ausgebaute
Stadt  Tutrakan  erobert,  Silistria  genommen  und  die
bulgarische  Grenze  in  schnellem  Forrücken  bis  zur
Linie  Tschernawoda—Konstanza  vorgeschoben-Während

  der  Zeit  zwischen  diesen  Erfolgen  und  der
schließlichen  Besetzung  der  ganzen  Walachei  und  Dobrudscha
  durch  die  verbündelen  Heere  der  Zentralmächte
  versuchten  nicht  nur  russische  Hilfstruppen,
sondern  auch  französische  Offiziere  die  Widerstandskraft
  der  rumänischen  Armee  zu  stärken.  Außerdem
aber  erschienen  im  Land  englische  Agenten,  die  im
Augenblick  des  Vorrückens  der  Verbündeten  einen
großen  Teil  des  im  Lande  aufgestapelten  Getreides
und  Maismehls  vernichteten  und  fast  die  gesamten
Petroleumquellen,  Tankanlagen  und  Raffinerien  zerstörten.
  Gleichzeitig  wurde  von  den  russischen  Truppenkörpern
  das  in  Polen  geübte  System  der  Zerstörung
  aller  Ortschaften  auf  ihrer  Rückzugslinie  nach
Möglichkeit  durchgeführt  und  die  rumänische  Bevölkerung
  zur  Flucht  nach  der  Moldau  und  Rußland
veranlaßt  oder  gezwungen.  Auch  ein  Teil  der  internierten
  deutschen  und  österreichisch=  ungarischen  ##
vilbevölkerung  wurde  verschleppt.  So  wurde  die
Moldau,  wo  allein  in  Erinnerung  an  die  Leiden  unter
  den  früheren  russischen  Durchzügen  und  Besetzungen
  das  Feindschaftsgefühl  gegen  Rußland  in  breiteren
  Schichten  fortlebte,  zum  Friedhof  jenes  vertriebenen
  Elends  und  zum  Schauplatz  der  Unordnung,
Gewalttätigkeit  und  Teuerung,  die  das  geschlagene
rumänisch-russische  Heer  dorthin  mitbrachte.

Der  rumänische  Bauer  aber,  der  niemals  politische
Partei  ergriffen,  sondern  sich  stumpf  den  Befehlen
seiner  Führer  gefügt  hatte,  nahm  die  deutschen  Sieger
  willig  auf.  Auch  die  Kreise  des  Handels  und  der
Gebildeten,  die  nicht  geflohen  waren,  fanden  sich  leicht
mit  der  deutschen  Besetzung  und  Verwaltung  ab,  die
sofort  mit  einer  Reorganisation  begann.

Literatur.  Annuarul  statistic  al  Romfniei,  (Bukarest,
  seit  1909);  Armata  romänä  in  timpul  ultimilor  40
de  anni,  1866—1906=  (das.  1906);  L.  Colescu,  Proresche

  economice  ale  Romfhniei  (das.  1907);  M.  Serban,
  Rumäniens  Agrarverhältnisse  (Berl.  1914);  C.  G.
Antonescu,  Die  rumänische  Handelspolitik  von  1875—
1910  (Leipz.  1915);  J.  F.  Neigebaur,  Die  Donaufürstentümer
  (Bresl.  1854);  E.  Fischer,  Die  Kulturarbeit
des  Deutschtums  in  Rumänien  (Hermannstadt  1911);  „Aus
dem  Leben  König  Carls  von  Rumänien=  (Stuttg.  1891—
1900,  4  Bde.);  N.  Jorga,  Geschichte  des  rumänischen
Volkes  im  Nahmen  seiner  Staatsbildungen  (Gotha  1905);
O.  Freiherr  von  Dungern,  Rumänien  (das.  19160).

Die  neufralen  Mächte  Europast
von  Professor  Dr.  Richard  Sternfeld  in  Berlin-Zehlendorf

Die  Schweiz.  Kein  neutraler  Staat  hat  unter  dem
Weltkrieg  so  schwer  zu  leiden  gehabt  wie  die  Eidgenossenschaft.
  Die  Gefahr,  selbst  in  den  Krieg  hineingezogen
  zu  werden,  die  dadurch  bedingten  großen  Ausgaben
  für  den  Grenzschutz,  die  wirtschaftliche  Bedrängnis,
  der  keine  Riesengewinne  gegenüberstehen,  die
Spaltung  und  Erhitzung  der  drei  Sprachengebiete  —
das  alles  machte  die  Stellung  der  Schweiz  sehr  schwie-1

  Abgeschlossen  Ende  Jum  1917.

rig.  Trotzdem  hat  ihre  Regierung  die  Neutralität
mit  peinlicher  Ehrlichkeit  gewahrt.

Daß  die  Stimmungen  der  Bürger  hierheftig  gegeneinander
  fluteten,  ist  begreiflich.  In  der  welschen
Schweiz  spricht  die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  und
Rasse  zu  stark  mit,  als  daß  die  Sympathien  nicht
ganz  auf  der  Seite  Frankreichs  stehen  sollten,  besonders
  wenn  eine  geworbene  Hetzpresse  die  Gemüter  geen

  Deutschland  aufreizte.  Nicht  so  schlimm  war  es  im
5i  sin,  weil  hier  irredentistische  Bestrebungen  wenig
Boden  finden.  Die  deutsche  Schweiz  hat  sich,
wenn  auch  mehr  oder  weniger  kühl  dem  Lebenskampf
des  Deutschen  Reiches  zusehend,  von  deutschfeindlichen