Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  11.—14.)  195

die  verabschiedeten  Offiziere  von  der  Militärgerichtsbarkeit  auszuschließen
  und  mit  tunlichster  Beschleunigung  dem  Reichstage  den  Entwurf
einer  Militär-Strafprozeß-Ordnung  vorzulegen,  in  welcher  das  Militärstrafverfahren
  mit  den  wesentlichen  Formen  des  ordentlichen  Strafprozesses  umgeben
  und  die  Zuständigkeit  der  Militärgerichte  im  Frieden  auf  Dienstvergehen
  der  Militärpersonen  beschränkt  wird.

11.  Dezember.  (Ausweisung  eines  italienischen  Korrespondenten.)
  Der  Berliner  Korrespondent  des  römischen  „Diritto“
und  des  mailändischen  „Secolo“,  Paronelli,  wird  vom  Polizei-Präsidium
  ausgewiesen.

12.  Dezember.  (Duell.)  Cand.  med.  Bluhm  wird  im  Duell

von  stud.  Eichler  erschossen.

Veranlassung  zu  dem  Duell  hat  eine  Äußerung  des  Bluhm  in  einer
Ausschußsitzung  der  Berliner  Studentenschaft  selbst  gegeben,  in  der  er  erklärte,
  es  sei  eine  Schmach,  daß  ein  Verein  deutscher  Studenten,  dessen  einziges
  Prinzip  der  Antisemitismus  sei,  an  der  Berliner  Universität  existiere.

14.  Dezember.  (Reichstag.)  Dritte  Beratung  und  Genehmigung
  des  Handelsvertrages  mit  der  Schweiz.
14.  Dezember.  (Reichstag:  Antrag  Windthorst  betr.

Sklavenhandel.)  Der  Antrag  (v.  27.  Nov.)  lautet:

„Der  Reichstag  wolle  beschließen,  den  verbündeten  Regierungen  gegenüber
  nachstehende  Erklärung  abzugeben:  1)  Der  Reichstag  spricht  auch  seinerseits
  die  Überzeugung  aus,  daß,  um  Afrika  für  christliche  Gesittung  zu  gewinnen,
  zunächst  die  Bekämpfung  des  Negerhandels  und  der  Sklavenjagden
notwendig  sein  wird.  2)  Der  Reichstag  wird  bereit  sein,  die  Maßregeln,
welche  die  verbündeten  Regierungen  zu  diesem  Zwecke  vorzuschlagen  gedenken,
in  die  sorgsamste  Erwägung  zu  ziehen  und  auch  seinerseits  zu  unterstützen.
3)  Der  Reichstag  spricht  die  Hoffnung  aus,  daß  es  gelingen  wird,  die  übrigen
beteiligten  Mächte  zur  Mitwirkung  bei  Ausführung  dieser  Maßregeln  zu
bestimmen,  insbesondere  auch  dahin,  daß  die  in  den  verschiedenen  Ländern
zum  Zwecke  der  Bekämpfung  des  Negerhandels  und  der  Sklavenjagden  sich
vorbereitenden  Unternehmungen  nach  einem  einheitlichen,  durch  Vereinbarung
festzusetzenden  Plane  durchgeführt  werden."

Abg.  Dr.  Windthorst  weist  zur  Begründung  seines  Antrages  auf  die
oft  geschilderten  Greuel  der  Sklavenjagden  hin.  Wenn  man  daran  denke,
müsse  jedes  menschliche  Herz  erbeben,  und  der  dringende  Wunsch,  diesen
Greueln  ein  Ende  zu  machen,  bedürfe  wohl  kaum  einer  Rechtfertigung.  Der
gestellte  Antrag,  welcher  sich  einem  in  der  Thronrede  ausgesprochenen  Gedanken
  anschließe,  müsse  auch  der  Regierung  willkommen  sein.  Allerdings
sei  der  Reichstag  nicht  in  der  Lage,  Maßregeln  in  Vorschlag  zu  bringen,
aber  es  müsse  im  Verein  mit  den  verbündeten  Regierungen  erwogen  werden,
welche  geeigneten  Schritte  zu  tun  seien.  Deutschland  allein  sei  aber  nicht
in  der  Lage,  durchgreifend  einzuschreiten,  vielmehr  sei  ein  Zusammenwirken
aller  Kulturstaaten  dazu  erforderlich.  Es  sei  anzuerkennen,  daß  Fürst  Bismarck,
  den  im  Weißbuch  veröffentlichten  Aktenstücken  nach  zu  schließen,  durchaus
  den  richtigen  Weg  verfolge.  Der  vom  Zentrum  gestellte  Antrag  solle
im  wesentlichen  eine  Sympathie-Erklärung  sein,  damit  vor  der  ganzen  Welt
kund  werde,  wie  der  Reichstag  in  dieser  Frage  einstimmig  eintrete  für  die
humanen  Bewegungen.  Abg.  Wörmann  (national-lib.)  begrüßt  den  Antrag

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