Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Zehnter Band. (10)

Die  Warschauer  Zusammenkunft.  Eine  antifranzösische  Koalition?  103

Prinzip  in  Italien  entgegentreten  werde,  und  daß  er  lediglich  an  den  Bedingungen  des
Züricher  Friedens⁵)  festhalten  wolle.  Er  erkenne  nach  wie  vor  die  Annexionen⁶)  nicht  an,
und  werde  Oesterreich  in  einem  abwehrenden  Kriege  kein  Hindernis  in  den  Weg  legen,
wenn  es  nur  den  Besitzstand  in  der  Lombardei  nicht  störe.

Man  müsse,  meinte  Fürst  Gortschakow  weiter,  immerhin  auf  der  Hut  sein,  zunächst  aber
doch  abwarten,  ob  nicht  der  Kaiser  der  Franzosen  durch  die  Erkenntnis  der  Gefahren,  die
ihm  aus  der  italienischen  Bewegung  und  aus  dem  Mißtrauen  erwachse,  mit  welchem
sein  bisheriges  Verhalten  die  andern  Mächte  erfüllt  hat,  bewogen  werden  wird,  sich  auch
für  die  Dauer  eine  beruhigendere  Politik  anzueignen.  Durch  eine  möglichst  analoge,  feste  und
besonnene  Haltung  der  übrigen  Mächte  lasse  sich  viel  in  dieser  Richtung  tun,  und  der
Friede  sei  ein  zu  kostbares  Gut,  um  nicht  alles  zu  seiner  Erhaltung  anzustrengen.  Wenn
England  zu  einiger  Modifikation  seiner  bisher  in  Italien  verfolgten  Politik  bewogen
werden  könnte,  so  berechtige  die  jüngste  Wendung  der  französischen  zu  den  besten  Hoffnungen.


*90.  Bericht  an  Minister  v.  Schleinitz.

[Eigenhändig.]  
31.  August  1860.

E.  E.  beehre  ich  mich  in  Nachstehendem  über  eine  Unterredung  zu  berichten,  welche
ich  gestern  Abend  mit  dem  Fürsten  Gortschakow  hatte.

Er  kam  spät  am  Abend  zu  mir  und  begann  das  Gespräch  mit  der  Mittheilung,  daß
Baron  Gevers  vom  Könige  der  Niederlande  beauftragt  sei  zu  erkundigen,  ob  dem  Kaiser
der  Besuch  des  Königs  in  Warschau  willkommen  sein  werde.  Man  hat  geantwortet,
daß  der  Kaiser  sich  jederzeit  freuen  werde,  seine  Verwandten  zu  sehn,  aber  ausdrückliche
Einladungen  zu  einer  Zusammenkunft  in  Warschau  nicht  ergehn  lassen  wolle.  Infolgedessen
  wird  der  König  Wilhelm  nach  Warschau  kommen.  Der  Fürst  sagte  mir  weiter,
daß  es  nicht  gewiß,  aber  doch  möglich  sei,  daß  der  Kaiser  von  Oestreich  ebenfalls  dort
eintreffen  werde,  die  Zusammenkunft  werde  in  Wien  jedenfalls  lebhaft  gewünscht,  und
Graf  Thun  habe  Schritte  in  der  nächsten  Umgebung  des  Kaisers  Alexander  versucht,  um
eine  ausdrückliche  Einladung  an  den  Kaiser  Franz  Joseph  nach  Warschau  herbeizuführen;
man  habe  den  Grafen  aber  damit  an  Fürst  Gortschakow  verwiesen.  Er  (Gort.)  sei
nun  der  Meinung,  daß  sein  Kaiser,  so  nützlich  auch  eine  solche  Zusammenkunft  unter
Umständen  werden  könne,  doch  keine  Art  Initiative  nehmen  dürfe,  um  sie  herbeizuführen.
Ich  fragte  darauf,  ob  diese  seine  Meinung  in  Zusammenhang  stehe  mit  einer  Besorgniß,
daß  der  Kaiser  der  Franzosen  in  einer  ausdrücklich  eingeladnen  Zusammenkunft  den
Beweis  einer  entstehenden  Coalition  erblicken  und  unter  diesem  Eindruck  irgend  welchen
raschen  Entschluß  fassen  könne.  „Was  ist  da  zu  besorgen,“  entgegnete  mir  der  Fürst,  „die
Coalition  ist  in  der  Luft,  la  coalition  est  dans  l'air.“  Er  wiederholte  den  Ausdruck
mehrmals  in  beiden  Sprachen.  „II  n'y  manque  plus  que  le  consentement  de  la  Russie
pour  l’établir  un  fait  accompli.  England  bemüht  sich,  uns  dazu  zu  bringen,  es  hat  sich

5)  Der  am  10.  November  1859  auf  Grund  der  Abmachungen  von  Villafranca  zwischen  Frankreich,
Oesterreich  und  Sardinien  zu  Zürich  abgeschlossene  Frieden.

6)  Das  Großherzogtum  Toskona,  die  Herzogtümer  Parma  und  Modena  und  die  päpstliche  Provinz
Romagna  waren  im  Laufe  des  Jahres  1859  von  Sardinien  annektiert  worden.