Full text : Banken und Bankpolitik

Für  Deutschland  kann  Vorbild  nur  die  Devisenpolitik  der  Österreichisch-ungarischen
  Bank  sein.  Die  Reichsbank  selbst  würdigt  in  ihrer
Jubiläumsschrift  den  Wert  der  Devisenpolitik  mit  folgenden  Worten:
„Ein  solcher  Vorrat  von  Devisen  ist  zu  Zeiten  einer  im  Auslande  beginnenden
  Gceldknappheit  ein  nicht  zu  unterschätzendes  Schutzmittel  gegen
das  Steigen  der  Wechselkurse  und  gegen  den  Abfluß  von  Gold,  in  Zeiten
wirtschaftlicher  und  politischer  Kriscn  im  Inland  ein  Mittel  zur  Heranziehung
  von  Gold  aus  dem  Auslande.  Durch  ihr  Devisengeschäft  kommt
die  Reichsbank  nicht  nur  in  die  Lage,  zum  Zwecke  von  Zahlungen  nach
dem  Auslande  Wechsel  aus  ihrem  Portefeuille  abzugeben  und  so  die
preissteigernde,  mitunter  recht  plötzlich  auftretende  Nachfrage  am  Markte
selbst  zu  verinindern,  sondern  erforderlichen  Falles  auch  eine  Zeitlang
durch  gesteigertes  Angebot  an  den  Börsen  einem  Steigen  der  Wechselkurse
  über  ein  gewisses  Maß  hinaus  erfolgreich  entgegen  zu  arbeiten.  Die
Stärke  dieses  Einflusses  hängt  unmittelbar  von  dem  Verhältnisse  der
Devisenbestände  der  Bank  zur  jeweiligen  Nachfrage  ab.  Wenn  er  auch
in  der  Regel  ein  nur  beschränkter  sein  kann,  so  ist  es  der  Reichsbank
doch  wiederholt  gelungen,  auf  diesem  \Vege  Überschreitungen  des  Goldpunktes
  und  drohende  Goldausfuhren  wirksam  zu  verhindern,  oder  doch
wenigstens  für  eine  gewisse  Zeit  hinauszuschieben  und  so  nach  Dauer
und  Umfang  zu  beschränken.“

Man  hüte  sich  aber  auch,  den  Wert  der  Devisenpolitik  zu  überschätzen.
  Sie  kann  die  Diskontpolitik  sehr  gut  ergänzen,  niemals  aber
vollkommen  ersetzen!).  Auf  die  Dauer  vermag  auch  sie  keine  anderen
Wechselkurse  zu  erzielen,  als  sich  aus  der  Gestaltung  der  Zahlungsbilanz
ergibt.  Diese  ist  grundsätzlich  dafür  entscheidend,  ob  Gold  ins  Land  oder
aus  dem  Lande  fließt.  Die  Frage  der  Goldbeschaffung  hängt  aufs  innigste
zusammen  mit  der  Frage:  Wie  schafft  man  Forderungen  ans  Ausland?

Mehrfach  wurde  angeregt,  den  Devisenbestand  der  Reichsbank  wie
bares  Geld  der  metallischen  Notendeckung  hinzuzurechnen.  Bis  zu  60  Millionen
  K  geschieht  dies  (s.  S.  132)  seitens  der  Österreichisch-ungarischen
Bank.  Begründen  läßt  sich  dies  damit,  daß  der  Goldvorrat  der  Reichsbank
  vor  allem  auch  bestimmt  ist,  unsere  Valuta  auf  dem  Weltmarkte  zu
verteidigen.  In  der  Hauptsache  würde  es  sich  um  englische  Wechsel
handeln.  Auf  dem  III.  Bankiertage  wurde  aber  von  Warburg  und  von
Schinckel  darauf  hingewiesen,  daß  deren  Eingang  im  Kriegsfalle  nach

)  S.  den  Aufsatz  von  Robert  Franz  „Zur  Bankenquete‘“  in  Nr.  1324  (1908)
des  Deutschen  Ökonomist.

264